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Gegen den Strom: mutige Favoritenliste für Buchpreis

Stephan Thome auf der Shortlist Gegen den Strom: mutige Favoritenliste für Buchpreis

Das Rennen um einen Platz auf der Liste der letzten sechs ist entschieden. Die Shortlist zum Deutschen Buchpreis enthält jede Menge Überraschungen.

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Wolfgang Herrndorf (links) und Stephan Thome sind im Rennen für den Deutschen Buchpreis.Fotos: Seeger/ Archiv

Frankfurt. Es ist eine mutige Entscheidung, die die Jury des Deutschen Buchpreises getroffen hat. Auf der Liste der letzten sechs für den Endspurt sind die vorab vielgehandelten Namen nicht zu finden - weder der „Langsamkeits-Entdecker“ Sten Nadolny mit seinem Alterswerk „Weitlings Sommerfrische“ noch Kultur-Quertreiber Rainald Goetz mit seiner Kapitalismusfarce „Johann Holtrop“. Selbst Bodo Kirchhoffs großartiger Eheroman „Die Liebe in groben Zügen“ fehlt.

Dafür versammelt die sogenannte Shortlist eine Anzahl eher experimentierfreudiger Autoren - und einige echte Überraschungen. Die erste ist die Nominierung von Wolfgang Herrndorf („Tschick“). Nachdem der 47-jährige Wahlberliner dieses Jahr schon den renommierten Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen hatte, hätte die Jury ohne Gesichtsverlust an seinem Meisterwerk „Sand“ vorübergehen können.

War es vielleicht eine letzte Verneigung vor dem unheilbar krebskranken Schriftsteller, von dem man zeitweise nicht einmal wusste, ob er seinen neuen Roman je würde beenden können? „Nein, es war in diesem Fall ganz besonders nur die Qualität“, sagte Jurychef Andreas Isenschmid („Neue Zürcher Zeitung am Sonntag“) gestern der Nachrichtenagentur dpa. „Wenn man den Anspruch hat, die feinsten, innovativsten und genauesten Erzählungen zu benennen, dann muss Herrndorf dabei sein. Da kann man nicht sagen, der hat schon einen Preis.“

Ähnliches mag für den Österreicher Clemens J. Setz gegolten haben, mit 29 Jahren den mit Abstand Jüngsten im Sextett. Auch an seinem neuen Roman „Indigo“, einer raumgreifenden Erzählung einer rätselhaften Krankheit, kam die Frankfurter Jury wohl nicht vorbei.

Dass nur eine Frau unter den sechs Favoriten ist, könnte vor allem die weiblichen Leser enttäuschen. In der Jury hätten „textfremde“ Überlegungen keinerlei Rolle gespielt, sagt Isenschmid. „Wir wollten einfach nur die Liste der besten Bücher erstellen.“ Mit Ursula Krechels „Landgericht“ ist damit ein besonders eindrucksvolles Stück Zeitgeschichte auf die Liste gekommen. Die 64-jährige Lyrikerin, die erst vor vier Jahren mit „Shanghai fern von wo“ ihr Romandebüt vorlegte, erzählt von einem in der Nazi-Zeit geflohenen Juden, dem bei seiner Rückkehr in die Heimat eine Atmosphäre von Verdrängen und Vergessen entgegenschlägt.

Zu den Autoren, mit denen wohl kaum jemand auf der Shortlist gerechnet hat, gehört der 84-jährige Ernst Augustin mit seiner Fabel „Robinsons blaues Haus“. Und auch Ulf Erdmann Zieglers Gesellschaftsroman „Nichts Weißes“ war im Vorfeld nicht groß im Gespräch.

Wieder nominiert wurde auch der neue Roman „Fliehkräfte“ des Biedenkopfer Schriftstellers Stephan Thome, dessen „Grenzgang“ derzeit für den WDR verfilmt wird. Mit Thomes „Fliehkräften“, Setz’ „Indigo“ und Zieglers „Nichts Weißes“ ist der traditionsreiche Suhrkamp-Verlag gleich dreimal in der Endrunde vertreten - ein Signal fürAufwind. Der Sieger wird am 8. Oktober im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse gekürt.

von Nada Weigelt

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