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Marburg Gegen Gewalt mit "Einsicht" und "Kompass"
Marburg Gegen Gewalt mit "Einsicht" und "Kompass"
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00:17 28.07.2018
Blick aus der Mensa auf Lahnterrassen und Oberstadt: Diese Areale gelten in der Universitätsstadt als Schwerpunkte von Gewalt und Kriminalitätsfurcht. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Städte und Gemeinden könnten die Sicherheit selbst in die Hand nehmen, indem sie gemeinsam mit der Polizei, den Bürgern und anderen Sicherheitspartnern individuelle Lösungen für ihre Probleme fänden, sagte Innenminister Peter Beuth (CDU) vergangene Woche bei der Vorstellung des Programms vor 26 Vertretern in Darmstadt.

Landespolizeipräsident Udo Münch hatte dazu erläutert, es gehe etwa um die Beseitigung von Angsträumen sowie die Beleuchtung und Müllbeseitigung in unheimlichen Ecken – und um Beratung. Genau daran setzt auch das Projekt „Einsicht“ an, bei dem Stadt Marburg, Polizei, Ordnungsamt und die Philipps-Universität Marburg zusammenarbeiten. Erst vor wenigen Wochen hatten Stadt und Polizei ein Konzept für mehr Sicherheit vorgestellt, das auf mehr polizeiliche Kontrollen, konsequente Verfolgung von Straftaten (Repression), aber auch mehr Prävention setzt (die OP berichtete).

Dabei steht Repression nicht im Gegensatz zu Prävention,­ ­betonen die Psychologen Professor Ulrich Wagner und ­Johannes Maaser im Gespräch mit der OP. Professor Wagner ist Leiter der Marburger Gewaltpräventionsinitiative „Einsicht – Marburg gegen Gewalt“, Maaser ist dafür bei der Stadt Marburg angestellt. Seit 2015 ist er beim Ordnungsamt für Präsentation­ zuständig.

Will heißen: Das eine­ tun und das andere nicht lassen. Es gebe zudem fließende Übergänge zwischen der Prävention, die sich auf Randgruppen oder Intensivtäter konzentriert, und der Gewaltprävention, sagt Wagner der OP. Platzverweise und Poller seien zwei solcher Beispiele, die sowohl als Prävention (vor Straftaten) angesehen werden können, als auch als Repression.

Wesentliches Ziel: Kriminalitätsfurcht in Marburg klein halten

Präventionsarbeit zu leisten, lohnt sich aber immer, betont Professor Wagner im Gespräch mit der OP. Er verweist auf ­Studien, die das Verhältnis von Kosten und Nutzen wirksamer Präventionsmaßnahmen untersucht haben. Ergebnis: Jeder Euro, der in Prävention gesteckt wird, erspart langfristig zwei bis sieben Euro an Geld, das für ­Gewaltfolgen ausgegeben werden muss. Die Lebenssituation von Kindern und ­Jugendlichen lasse Prognosen zu über mögliche Auffälligkeiten im Erwachsenenalter.

Ein wesentlicher Begriff im Zusammenhang mit der Arbeit von „Einsicht“ ist die Kriminalitätsfurcht. Sie ist, so erläutert Wagner, das Ergebnis von objektiver Kriminalitätsbelastung – polizeirelevant wie nicht strafrechtlich relevant, also etwa störende Lautstärke oder Anmache – und „Incivilities“, zu Deutsch etwa Verwahrlosungserscheinungen in einem bestimmten Quartier sowie der entsprechenden Kommunikation von Politik, sozialen Netzwerken oder Medien.

Wesentliches Ziel von „Einsicht“ ist es, die Kriminalitätsfurcht in Marburg kleinzuhalten. Dazu gehören in Marburg auch Maßnahmen wie die ­Erhöhung der Sauberkeit und die Verbesserung der Beleuchtung, aber auch Angebote der Offenen mobilen Jugendarbeit. Auch Kampagnen zur Schaffung von Problembewusstsein und zur Unterstützung rücksichtsvoller Umgangsformen gehören zu solchen Überlegungen, aber auch repressive Ansätze wie die höhere Präsenz von Sicherheitskräften an Brennpunkten wie den Lahnterrassen, dem Bahnhofsareal oder der Oberstadt oder die Erteilung von Aufenthaltsverboten für Mehrfachtäter, erläutert Maaser.

Stadt bemüht sich um Sicherheitssiegel

Eine Umfrage von „Einsicht“ am Bahnhofsareal hat ergeben, dass nur vier Prozent der Befragten negative Erfahrungen mit Anmache, Pöbeleien oder gar körperlicher Gewalt gemacht haben. Allerdings ist die Wahrnehmung der Befragten von Kriminalität, speziell auch von Ausländerkriminalität, relativ hoch.

Als erste Kommune im Polizeipräsidium Mittelhessen nimmt die Stadt Neustadt seit Mai an der Sicherheitsinitiative Kompass teil. Die Stadt Marburg ­bemüht sich nach Auskunft von Johannes Maaser um die Auszeichnung mit dem Sicherheitssiegel von Kompass.

Wie stark Sicherheitsgefühl, objektive ­Sicherheit und Sicherheitsinformation zusammenhängen, stellten die Forscher bei ihrer Umfrage am Bahnhof fest. Diejenigen Passanten, die eingangs der Kurzinterviews mit der „Nachricht“ versorgt wurden, die ­Situation am Bahnhof sei ja viel sicherer geworden, äußerten anschließend im Vergleich deutlich weniger Sicherheitsbedenken als diejenigen, denen diese Information nicht gegeben wurde. „Selbstverständlich“, so Professor Wagner, „haben wir diese Falschinformation aber am Ende des Gesprächs aufgeklärt.“

von Till Conrad