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Marburg Pleiten, Pech und altes Brauhaus
Marburg Pleiten, Pech und altes Brauhaus
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00:16 03.01.2019
Prägt das Stadtbild in Marburgs Zentrum, hat aber vielen Unternehmern Pleiten beschert und steht seit Jahren immer wieder leer: das „Alte Brauhaus“. Quelle: Ina Tannert
Marburg

Fast zehn Jahre ist es her, dass Christian Rach mit seinem TV-Team und der Show „Rach, der Restauranttester“ in dem rot-weißen ­Fachwerkhaus am Rudolphsplatz tätig war. Die damaligen Pächter Beate und Karsten Wetzlar hofften, dass mit Rachs Hilfe die Gastronomie aufgepäppelt ­werden könnte – vergeblich, die Geschäfts­aufgabe folgte kurz darauf. Nach zehn Jahren schmiss das Paar hin. Und spätestens seit dem Jahr 2010 wird für das ­Brauhaus eine Niedergangsgeschichte fleißig fortgeschrieben. 

„Gott gebe Glück und Segen drein“ steht an der Fassade – doch das Glück wohnt nicht mehr in diesem Haus. Seit fast zehn Jahren folgt ein Pächter auf den nächsten, ein Glücksritter folgte auf den nächsten Pechvogel – und so scheiterte vor einigen Monaten auch der nächste Unternehmer mit seinem gastronomischen Angebot. Denn die Türen sind auch jetzt wieder, schon seit mehreren Wochen zu, der Innenraum tags wie nachts dunkel.

Die Speisekarte im Aushang vergilbt und hat Eselsohren – auch wenn es aktuell offenbar Renovierungsarbeiten gibt, Handwerker tätig sind. In den vergangenen Jahren gingen Restaurants jedenfalls oft so schnell, wie sie kamen. Damit scheint klar zu sein: Das Brauhaus macht jedem Gastronomen den Garaus. Höchste Zeit also für neue Ideen zu einer ­Anti-Gastro-Nutzung des traditionsreichen Fachwerkhauses am Fuße der Oberstadt. Die OP macht ein paar nicht nur ernstgemeinte Vorschläge.

1) Back to basic: In einem Brauhaus muss doch Bier gebraut werden – und seit Jahren sprießen deutschlandweit Kleinbrauereien aus dem Boden. Wieso also nicht auch ein Craft-Beer, ein Hipster-Hype-Erzeugnis am Fuße der Alten Universität?

2) Altes Gemäuer, schief und krumm, sicherlich immer etwas zu flicken: Eine bessere Umgebung kann es für die Gründung eines Fachbereichs Architektur an der Philipps-Universität gar nicht geben. Im lebenden Objekt können Studenten dann am lebenden Objekt planen, zeichnen, werkeln. Oder ist das etwa schon zu nah an dem, was eine FH so macht? Dann macht es eben nicht die Uni, sondern die Technische Hochschule Mittelhessen. Dem Haus ist‘s eh egal.

3) Vorbei der Mangel an schnell verfügbaren Gewerbeflächen für Firmenansiedlungen oder Expansion! Als Ausweichfläche für beispielsweise am Stadtwald interessierte Kleinunternehmen könnten die Stadtentwicklungsgesellschaft und der Magistrat doch im Nu ein paar Wirtschaftsförder-Euro für die Kreativbranche springen lassen.

4) Oder es entsteht direkt das Marburger Wirtschaftsförderungszentrum. Wie einst im benachbarten Mobilitätszentrum Nahverkehrskunden, könnten sich in dieser Anlaufstelle Investoren aus China, Russland oder Saudi-Arabien zu Immobilienspekulationen, Renditeaussichten und dem schnellsten Weg zur Gentrifizierung beraten lassen.

5) An der Wasserscheide wurden für den Verkehr der Zukunft schon Fakten geschaffen, da kaufte die Stadt ein Wohnhaus als Startpunkt eines irgendwann einmal zu bauenden Schrägaufzugs zum Schloss. Folgerichtig wäre der Umbau des im Tal liegenden Brauhauses zu einer Seilbahnstation – ideal gelegen zwischen Lahnbergen und „Behringwerke-Bergen“. Hier könnte am ­Fuße des Oberstadthügels das ultimative Transport-Drehkreuz entstehen.

6) Laufhaus statt Brauhaus: Das horizontale Gewerbe gab es vor Jahrhunderten und wird jeden Trend überdauern – perfekt also für die Rettung eines hoffnungslosen Falls wie diesem. Denn bis in alle Ewigkeit für die Verrichtung eines zentralen menschlichen Triebs bis ins Zwielicht nach Wehrda fahren zu müssen, ist ja gerade für Fußgänger, Buskunden und Radfahrer kaum zumutbar. Das Monopol des „Erotic Island“ kann gebrochen werden, es gilt nämlich auch hier die alte Immobilien-Regel: „Lage, Lage, Lage“.

7) Kein Fun-Park und kein Molotow nahe des Waldtals mehr, keine „Heba“ in Hermershausen, schon gar kein Admiral à la Gießen: Große Tanz- und Party­säle findet man in Marburg längst nicht mehr. Höchste Zeit, die Jugend wieder zusammenzubringen und zu Beats, Bass und Bars feiern zu lassen. Da es am Rudolphsplatz keine Parkplätze dafür aber eine Bushaltestelle für alle Innenstadtlinien gibt, fährt auch keiner betrunken mit dem Auto.

8) Mal groß denken: Wenn der Behringtunnel nun schon wieder auf dem Tablett liegt, kann man gleich eine Innenstadtanbindung, ein weiteres Abfließen des Verkehrs, mitdenken. Es ist ganz simpel: Abrissbirne rein ins morsche Gemäuer, die Riesen-Tunnelraupe im Loch, irgendwo Höhe Marbacher Weg rechts abbiegen lassen und für eine Erlenring-Verbindung sorgen. Als Erinnerung an das Gebäude bleibt dann eine der Brauhaus-Laternen mit Schimmelreiter am Tunnelein- beziehungsweise -ausgang hängen. Oder eben eines dieser gusseisernen Elemente.

9) Wir schreiben (bald) das Jahr 2019. In Marburg leben mehr als 75.000 Menschen, und zwar in einer Stadt, die überregional vor allem wegen ihrer Geschichte und ihres mittelalterlichen Antlitzes bekannt ist. Aber ein Stadtmuseum gibt es bis heute nicht. Keine passenden Räume, hieß es bei der zuletzt vor etlichen Jahren geführten Debatte. Könnte ein Haus winken, hier wäre eines. Schnell die Stufen geschliffen, Barrierefreiheit und so, schon könnten imposante Exponate – der Haarkranz von Luther, der Bleistift der Grimms oder das Schalke-Trikot von Egon Vaupel – ausgestellt werden.

10) Die Steinweg-Kinos wollten in diesem Jahr trotz aller kommunalpolitischen Avancen ja nicht gerettet werden – aber falls es da einen Stimmungsumschwung gibt … gedrungener als in den Oberstadtsälen ists hier auch nicht.

Wenn einem Investor zu der Zukunft für das Brauhaus aber so gar nichts mehr einfällt, wenn unternehmerisches Risiko endgültig zum Fremdwort geworden ist – ja dann werden eben wohl auch ins Brauhaus Wohnungen „reingezimmert“.

von Björn Wisker und Ina Tannert

Haben auch Sie Ideen für die Brauhaus-Belebung? Schreiben Sie uns Ihre Vorschläge: wirtschaft@op-marburg.de