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Marburg Ungeborene hören bereits ab der 19. Woche
Marburg Ungeborene hören bereits ab der 19. Woche
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09:55 12.09.2018
Über die Entwicklung des Neugeborenen-Hörscreenings, das seit einigen Jahren flächendeckend praktiziert wird, informierten sich zahlreiche Besucher während des Symposiums. Quelle: Heinz-Dieter Henkel
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Marburg

Mit einem Rückblick, einer aktuellen Bestandsaufnahme und einem Ausblick feierte das Universitätsklinikum Marburg in einer Fortbildungs das zehnjährige Bestehen des „Neugeborenen Hörscreenings“. Zu Gast war ebenfalls der Hessische Staatsminister für Soziales und Integration, Stefan Grüttner.

In seinem Grußwort erinnerte der Minister an die gesetzliche, flächendeckende Einführung des Hörscreenings bei Neugeborenen ab dem 1. Januar 2009. Was bis zu diesem Zeitpunkt als freiwillige Leistung abgerechnet wurde, sei heute eine­ Selbstverständlichkeit, die von den Krankenkassen bezahlt werde, sagte Grüttner.

Gastgeberin und Hauptreferentin Professorin Dr. Christiane Hey (Foto: Henkel), Chefärztin der Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie des UKGM, begann ihren Vortrag mit den Worten: „Hören ist die Voraussetzung für Sprache. Sprache die Voraussetzung für Bildung. Bildung sorgt für Chancengleichheit und ist wichtige Voraussetzung für die Integration in die Gesellschaft“. 

Sie wies damit nachdrücklich auf die große Bedeutung dieser Sinnesfunktion hin. Ein erstes Hören beginne ­bereits in der 19. Schwangerschaftswoche im Mutterleib – ein Neugeborenes sei deshalb kein ungeschriebenes Blatt. Es könne vieles aus seiner Umgebung mitbekommen, Frauenstimmen von Männerstimmen unterscheiden, und würde bereits nach wenigen Tagen seine Mutter an deren Stimme erkennen. Den Vater allerdings erst nach vier Wochen. Die Ausbildung des Hörens sei bis zum 18. Monat abgeschlossen.

Deswegen sei es so wichtig, möglichst frühzeitig eine Hörstörung zu erkennen und eine Therapie bis Ende des sechsten Lebensmonats zu beginnen. Ab dem achten Monat könne bereits ein Implantat die Hörfunktion übernehmen.

Ihr Fazit: „Heute kann jedem Kind geholfen werden“, schloss Hey ihren Vortrag. Das Bundesland Hessen sei bei Einführung des Neugeborenen-Hörscreenings ganz weit vorne gewesen, berichtete Dr. Almut Goeze, Oberärztin der Abteilung Phoniatrie und Pädaudiologie. Deutschlandweit seinen im Jahre 2012 von den rund 673.000 Neugeborenen, 82 Prozent gescreent worden.

Hessen an der Spitze 
bei Screening-Raten

In Hessen habe der Anteil der untersuchten Säuglinge im gleichen Jahr bereits 95,6 Prozent betragen. Auch heute erreiche Hessen zusammen mit Mecklenburg-Vorpommern einen Spitzenwert bei der Screening-Rate Neugeborener.

Eine große Anzahl von Daten hatte Doktorandin Nicola Fink zusammengetragen und konnte eine detaillierte Analyse für die Neugeborenen-Screenings in Marburg vortragen. Demnach gäbe es bundesweit 16 Hörscreening-Zentralen, bei denen die Daten über die Untersuchungsergebnisse zusammenliefen, berichtete Prof. Dr. Mathias Kieslich von der Uni-Klinik in Frankfurt. Mit Blick auf diese Zahlen stellte er einen Optimierungsbedarf fest. Deutschlandweit, so die Analyse, werden 0,13 Prozent der Kinder mit Hörstörungen geboren, die behandelt werden müssen.

„Quantensprung“
 für Hörgeschädigte

Abschließend berichtete Manfred Drach, Direktor der Johannes-Vatter-Schule in Friedberg aus der Praxis. Seine Schule hat den Förderschwerpunkt Hören.Immens wichtig seien die interdisziplinären Frühberatungsstellen, die mobil arbeiten, deren Mitarbeiter in die Familien gehen und die Eltern im Bereich kommunikative Förderung anleiten.

Er bezeichnete die Situation Hörgeschädigter in den 90er-Jahren im Vergleich zu heute als einen Quantensprung, wozu auch die Medizintechnik beigetragen habe.

Auch wenn einiges noch verbesserungswürdig sei, habe sich vieles verbessert: „Wir haben ein tolles System in Hessen“, schloss er seinen Vortrag.     

von Heinz-Dieter Henkel

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