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Marburg Mia lag da „wie eine Puppe“
Marburg Mia lag da „wie eine Puppe“
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00:21 24.02.2019
Die Angeklagte Elena W. mit ihrem Rechtsbeistand. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Als die Eltern des verstorbenen Frühchens als Zeugen auftraten, sprachen beide unter Tränen von dem kurzen Leben ihrer Tochter Leni. Nun saßen die Eltern von Mia, dem zweiten Frühchen, im Gerichtssaal. Ihre Tochter hatte den schlimmen Vorfall im Dezember 2015 überlebt. Damals war sie gerade zwei Wochen auf der Welt.

Mias Eltern, zunächst der Vater, dann die Mutter, berichteten, wie sich die Schwangerschaft und Mias erste Lebenswochen aus ­ihrer Sicht gestaltet hatten.

Mia wollte „früher raus, als sie sollte“, erzählte ihre 24 Jahre alte Mutter. Auf Grund von Cluster-Kopfschmerzen und damit verbundenen verfrühten Wehen musste Mia in der 36. Schwangerschaftswoche auf die Welt geholt werden. Wegen zu hoher Gelbsuchtwerte wurde Mia nach einer unproblematischen Geburt zunächst auf die neonatologische Station verlegt. Wenige Tage später kam sie dann auf die Intensivstation, auf der auch die Krankenschwester Elena W. tätig war. Bei Mia waren zu diesem Zeitpunkt sogenannte Frühchen-Bradykardien (verlangsamter Herzschlag) festgestellt worden. Dennoch: „Mia war eines der lauteren Kinder auf der Station“, erinnerte sich die junge Mutter, „ein richtiger Wonneproppen“.

In der Nacht vom 25. auf den 26. Dezember verschlechterte sich der Zustand des Babys dann plötzlich: „Die Ärzte wussten nicht, was mit der Kleinen los ist“, berichtete der Vater vor ­Gericht. Mia sei „völlig apathisch“ gewesen.

Für die Mutter war es ein Schock, als sie am Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertags auf die Station­ kam. Eine Schwester warnte sie schon an der Schleuse. Eine Nachtschwester habe bemerkt, dass Mia abgebaut habe. „Wenn ich nicht auf dem Monitor gesehen hätte, dass sie noch lebt, hätte ich gedacht, sie wäre tot“, schilderte die Mutter­ den Zustand ­ihres Kindes an diesem Morgen. Sie habe da gelegen wie eine Puppe.

Zu diesem Zeitpunkt sei ein solcher Vorfall völlig unerwartet gekommen – wenig später habe sie eigentlich entlassen werden sollen. Am 27. Dezember ging es Mia dann wieder besser. Zwar gab es auch danach wieder mehrere Bradykardien, dennoch konnte Mia im Januar entlassen werden.

Allerdings gab es auch zu Hause noch mehrere „Abfälle“ bei Mia. Mehrfach mussten die Eltern sie wieder zum Atmen animieren. So schlimm wie damals im Klinikum sei es jedoch nie wieder gewesen.

Heute sei Mia ein gesundes Kind und gehe in den Kindergarten. An die Angeklagte haben die Eltern beide keinerlei Erinnerungen. Allerdings, gesteht die Mutter, hätten sie sich damals auch mehr auf Mia konzentriert.

von Melchior Bonacker

Hintergrund

Hier können Sie die bisherigen Berichte zu den vergangenen Verhandlungstagen im Frühchen-Prozess lesen.

31. Januar 2019: So war der erste Prozesstag.

6. Februar 2019: Am zweiten Prozesstag erklärte ein Gutachter die Wirkung der Medikamente.

7. Februar 2019: Gutachter ringen mit Unklarheiten

9. Februar: Bedrohliche Dosis Narkosemittel in Blutproben der Frühchen

14. Februar: Das sagen die Eltern des toten Frühchens