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Marburg "Als wäre kein Leben in ihr drin“
Marburg "Als wäre kein Leben in ihr drin“
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20:31 28.02.2019
Die angeklagte Krankenschwester sitzt mit ihren Verteidigern im Gerichtssaal. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

An den beiden vergangenen Verhandlungstagen sagten die Eltern von Mia und Leni, zwei der drei vergifteten Frühchen, aus. Die Aussagen, die besonders bei den Eltern der verstorbenen Leni sehr emotional wurden, zeichneten ein Bild der Ratlosigkeit bei den Ärzten. Den drei Kindern sollen auf der Frühchenstation des Uni-Klinikums im Winter 2015/2016 nicht ärztlich verordnete Medikamente verabreicht worden sein. Diese sollen ihren Zustand massiv verschlechtert haben – womöglich in einem Fall tödlich gewirkt haben. Die mutmaßliche Täterin, Krankenschwester Elena W., schweigt zu den Vorwürfen auf Anraten ihrer Anwälte.

„Wir tappen absolut im Dunkeln“, hätten die Ärzte ihm gesagt, berichtet der 32-jährige Vater der kleinen Johanna. In der Nacht vom 1. auf den 2. Februar 2016 verschlechterte sich der Zustand seiner gerade einen Monat alten Tochter rapide – mehrfach musste sie sogar wiederbelebt werden. Wodurch die Herzstillstände bei dem Frühchen verursacht wurden, war allen zunächst ein Rätsel.

Erinnerung treibt Mutter Tränen in die Augen

Die Eltern suchten die Hilfe der Klinik-Psychologin: „Weil wir uns auch nicht mehr gegenseitig helfen konnten“, begründet Johannas Mutter. Die Erinnerung an den Tag des 2. Februar, genau einen Monat nach der verfrühten Geburt ihrer Tochter, ruft immer noch Tränen bei der 38-jährigen hervor. Es sei ein schlimmer Anblick gewesen, wie das kleine Mädchen reglos im Inkubator gelegen habe. Ganz ähnlich wie zuvor schon die Eltern von Mia beschreibt sie Johannas Zustand: „Apathisch, als wäre kein Leben in ihr drin“ – typische Anzeichen einer Überdosis Midazolam, wie sie den Frühchen mutmaßlich verabreicht wurde.

Rückblick auf die vergangenen Prozesstage

Hier können Sie die bisherigen Berichte zu den vergangenen Verhandlungstagen im Frühchen-Prozess lesen.

31. Januar 2019: So war der erste Prozesstag.

6. Februar 2019: Am zweiten Prozesstag erklärte ein Gutachter die Wirkung der Medikamente.

7. Februar 2019: Gutachter ringen mit Unklarheiten

9. Februar: Bedrohliche Dosis Narkosemittel in Blutproben der Frühchen

14. Februar: Das sagen die Eltern des toten Frühchens

20. Februar: Mia lag da "wie eine Puppe"

Dabei war Johannas Zustand eigentlich zuvor nicht besorgniserregend: Nach ihrer Geburt in der 28. Schwangerschaftswoche sei ihr Zustand stabil gewesen, berichtet ihr Vater. Zwar hätte man nicht damit gerechnet, dass das Kind schon so früh kommen würde, aber die Ärzte hätten sich „vorsichtig optimistisch“ gezeigt. Sie sei ein Vorzeigefrühchen gewesen, hätte zeitnah entlassen werden sollen – so sei der Stand bis Ende Januar gewesen: „Da sah sie schon aus wie ein richtiges Baby“, schwärmt der Vater.

Am Montag, 1. Februar, benachrichtigte das Klinikum jedoch die Eltern, dass Johanna „höchstwahrscheinlich eine Infektion“ habe. In der Nacht auf Dienstag gab es dann die schweren Vorfälle, für die sich nun Elena W. vor dem Landgericht verantworten soll. „Wir mussten davon ausgehen, dass sie es nicht schafft“ – Johannas Eltern waren hilf- und ratlos.

Keine bleibenden Schäden bei Mia und Johanna 

Am Freitag, 5. Februar, besserte sich Johannas Zustand dann wieder – heute ist sie ein gesundes Kind. „Wir sind sehr glücklich, dass es ihr so gut geht“, sagt ihre Mutter.

Allem Anschein nach haben sowohl Mia als auch Johanna keine bleibenden Schäden davon getragen. Dass sich ihre Eltern nun dennoch wieder mit den Vorfällen beschäftigen müssen, ist den Tagen nach Johannas Verschlechterung geschuldet: Zwei leitende Ärzte kontaktierten Johannas Eltern. Sie hatten entdeckt, dass Johanna nicht verordnete Medikamente verabreicht worden waren. Dies brachte die Ermittlung ins Rollen, an deren Ende nun der längste Prozess der Marburger Justizgeschichte steht.

Der Prozess wird am Mittwoch, 27. Februar, ab 9 Uhr im Raum 101 des Landgerichts Marburg fortgesetzt.

von Melchior Bonacker