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Fröhlich-grimmige Weihnacht

Compagnia Buffo Fröhlich-grimmige Weihnacht

Die „Compagnia Buffo“ spielte in der Waggonhalle an zwei Abenden mit Weihnachtserinnerungen und zeigte mit ihrem polarisierenden Repertoire an Varianten des Mythos auch den Formenreichtum des Theaters.

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Willi Lieferscheidt und Kascha B. präsentieren die Weihnachtsgeschichte als biertrinkende Kasperlepuppen.Foto: Ben Wangler

Marburg. „Weihnachten ist so eine Art Erinnerung“, erzählt Kaspar. „Ja, an was denn?“, fragt Gretel. „An Weihnachten eben“.

Weihnachten wird präsentiert mal als derbes Kasperletheater, in dem Gretel dem Herrgott Alimente für das Jesus-Kind abschwatzt und Kasper im Suff Bibelgeschichten verdreht, dann als eindrucksvolles von den Schauspielern verkörpertes Puppenspiel, in dem sich die hochschwangere Maria der Geschichte verweigert, zum Leben erwacht und das Publikum zu Schwangerschaftsgymnastik animiert. Nach dem letzten „Oooh!“ kommt das Kind, Vorhang zu.

Es gibt überbordendes Tanztheater mit Maria als leidend-narzisstischem Hippie, einem abwesenden Joseph und dem klamaukigen Engel und Verkünder der frohen Botschaft: „Hi, I’m Gay-briel!“ Verstörend wiederum wirkt die Geschichte der Familie Hartmann am Weihnachtsabend, die versucht einen netten Familienabend zu zelebrieren. Während die angestrengte Harmonie sukzessive in unversöhnlichen Streit und Zerstörungswut kippt, tritt immer wieder unpassend der für das Idyll bestellte Weihnachtsmann auf. Nebenbei spielt er den düsteren Soundtrack mit dem Cello, dessen Resonanzkörper aus einer Truhe gebaut ist.

Zu irritieren weiß das laute „Simultan Krippenspiel“ des expressionistischen Dichters und Dadaisten Hugo Ball, dessen Thema der Verlust von Verständigung ist: Tiergeblöke, Armeen von Ziegenglocken, das dadaistische Gebet von Maria an Gott und ein Joseph, der die fremde Sprache der Weisen aus dem Morgenland schlichtweg nicht versteht.

Rührend wirkt die Umsetzung des Anderson-Märchens „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ durch die in Schwarzlicht getunkte zauberhaft glimmende Kulisse. Das fulminante Finale war die tragische Operette um die Rettung der Weihnachtsgans.

Willi Lieverscheidt, Kascha B. und Benedikt Hench sind die „Compagnia Buffo“ und mit ihrem Weihnachtsspezial „Oh, du, du, du Fröhliche…“ karikierten, sinnierten, rührten und spotteten sie am Mittwoch und gestern Abend in der Waggonhalle mit und über Weihnachten, oft von Musik begleitet. Dazwischen beeindruckte Benedikt Hench am Eigenbau-Cello oder er improvisierte Weihnachtslieder mit einer Palette an Gläsern, Fahrradklingeln oder Kuhglocken, auf die er dann im nächsten Moment mit einem Gummihammer einschlug.

Weihnachten: gehasst und geliebt, eine Leidensgeschichte, oder mit den Worten von Hugo Ball (während ein rostiger Nagel ins Holz gehämmert wird): „Maria aber bewegte all diese Worte in ihrem Herzen. Und sie sah einen Berg und drei Kreuze aufgerichtet. Und sah ihren Sohn verspottet und mit einer Dornenkrone gekrönt.“

von Ben Wangler

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