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Frischer Wind aus der Quetschkommode

Akkordeonale im KFZ Frischer Wind aus der Quetschkommode

„Wohin mit den vielen Leuten“ fragten sich die Veranstalter im KFZ am Samstag. Bis auf die letzte Bierbank gequetscht oder stehend wartet der ausverkaufte Kulturladen auf Akkordeonspieler.

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Konzentriert im schottischen Kilt: Der Hüne Sandy Brechin spielt auf einem Kinderakkordeon.

Quelle: Jan Bosch

Marburg. Die Online-Enzyklopädie Wikipedia nennt es auch ein Handzuginstrument oder selbstklingendes Unterbrechungs-Aerophon, der Normalbürger denkt eher an Schifferklavier, bayrische Volksmusik und schunkelnde Massen im Musikantenstadl.

Weit gefehlt, hat sich doch einer aufgemacht, die Quetschkommode in all ihren kulturellen Spielarten bekannt zu machen. Bereits zum vierten Mal tourt der Niederländer Servais Haanen, Ausnahmeakkordeonist und sympathischer Moderator, mit hochkarätigen Meisterinnen und Meistern des Zerrwanst (keine Angst, es gibt noch viel absurdere Begriffe) durch die Republik. Die Bandbreite reicht von schottischen Hafenkneipen, über argentinische Tangotränen bis zur ungebremsten Kraft des Balkan-Beats.

Der Abend beginnt mit der Promenade, dem Aufmarsch der Musiker, die nach und nach die Bühne betreten und mit ihren Instrumenten in das entspannte Spiel einsteigen. Nach diesem grandiosen Einstieg begrüßt Haanen die Zuschauer mit „Ich bin heute so etwas, wie er Zirkusdirektor und führe sie durch den Abend“ - und zeigt so schon einen kleinen Vorgeschmack seinen trockenen Humors, der noch für einige Lacher sorgen sollte. Charmant stellt er die unterschiedlichen Musiker mit ihren Geschichten und Eigenheiten vor.

So machte ein Sturz des betrunkenen Schotten Sandy Brechin sein Akkordeon zu einem Haufen Sperrholz, also musste er am nächsten Tag auf ein Kinderinstrument ausweichen, welches der Hüne im Kilt heute immer noch spielt.

Florinel Ionita Roma, die den Tango in ihrer argentinischen Seele trägt, lässt die Tragik der Liebe schwermütig durch den Saal schweben. Im sanften und mysteriösen Klang ihres Bandoneons schmelzen die Zuschauer dahin.

Florencia Amengual hingegen lässt das Feuer des Balkans auflodern. Zerrt er an seinem riesigen Instrument, was er laut Haanen „sicher erlernen musste, weil es in der Musikerfamilie noch kein Akkordeon gab“, zuckt es einem schon in den Beinen. Seine rasant gespielten Tonfolgen erinnern an kleine Bergdörfer mit riesigen Familienfesten, bei denen stets die Musik im Mittelpunkt steht.

Multitalent Johannes Steiner, der auf seiner basslastigen Steirischen Harmonika so ziemlich alles spielt, was geht, zeigt sein ganzes Können, von österreichischer Volksmusik bis Jazz. Bei einer österreichischen Volksweise etwa brummen lauter tiefe Töne, die für sein Instrument so charakteristischen tiefen Bässe.

Zwischen den Soloauftritten treten die Künstler in unterschiedlichen Konstellationen auf die Bühne, um die kulturell doch so unterschiedlichen Musikstile zu vereinen. Begleitet wurden sie dabei von Sean Regan aus Irland auf Geige und Mandola, sowie von der Isländerin Sigrún Kristbjörg Jónsdóttir auf der Posaune.

Ein großartiger Abend, mit tollen Klängen eines oft verkannten Instruments, neigt sich nach drei Stunden dem Ende zu und hinterlässt eine Vorfreude auf das nächste Jahr.

von Jan Bosch

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