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Friede, Freude, Eierkuchen

Konzert Friede, Freude, Eierkuchen

Gott ist tot, schmetterte Nina Hagen, als sie noch „auf‘m Friedhof“ war. Dann zog es sie in die Weiten des Universums, zu Brahma, Vishnu und Shiva, schließlich führte sie die spirituelle Achterbahnfahrt zu Jesus.

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Nina Hagen in der Lutherischen Pfarrkirche in Marburg. Im Hintergrund Bassist Michael Ryan.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Künstler setzen sich vermutlich nicht mehr und nicht weniger mit ihrem Glauben auseinander als der Rest der Menschheit. Aber weil sich Künstler nun einmal ihrem Publikum offenbaren, lassen sie die Öffentlichkeit auch teilhaben an ihrer religiösen Sinnsuche – egal, ob Willie Nelson „ich war zu krank, um zu beten“ krächzt, Garth Brooks von der Macht unbeantworteter Gebete singt oder Janis Joplin vom Herrgott gern einen Benz spendiert bekäme.

Auch Gesamtdeutschlands Schrill-Ikone und Punknudel Nina Hagen löste das Ticket für den Gospel Train – die Tatsache, dass sie sich in der reformierten Kirche zu Schüttorf Taufwasser übers Haupt schütten ließ, verleiht ihrer Mission Seriosität: Von einer Frau, die die Sakramente empfängt, sollte man annehmen, dass es ihr ernst ist mit der ungebremst zu Markte getragenen devoten christlichen Hingebung.

„Friede, Freude, Eierkuchen“ wäre eine recht hämische Einschätzung der Glaubensmatrix von Nina Hagen – wären es nicht in der Tat jene letzten Worte gewesen, die sie selbst im Zugabenteil an ihr Publikum in der Marburger Pfarrkirche richtete. Dort war am Donnerstagabend eine Künstlerin zu erleben, die das Gesamtkunstwerk Nina Hagen in seine Einzelteile zerlegte, um unterschiedliche Zielgruppen zu bedienen: Da waren jene, die das Grimassenpiel der grell geschminkten Rotzgöre sehen wollten. Jene, die einfach das enorme stimmliche Potenzial und die Kreativität Nina Hagens schätzen und letztlich jene, die ein ungewöhnliches geistliches Spektakel erleben wollten, ja: vielleicht sogar hofften, sich vom Gospelfunken anstecken lassen zu können.

Letzteres müsste eigentlich einfach sein, denn die eine, große Botschaft der Gospel- und Spiritualmusik ist schlicht genug: Das Leben ist schlecht, aber erträglich, weil im Himmel ein besseres Dasein wartet – dort komme ich hin, wenn ich mein irdisches Kreuz so geduldig trage, wie Christus es tat. Doch an dieser Message arbeitet sich Nina Hagen so selbstverliebt ab, dass sie eher die Fans vergangener Tage mit ihrem „Personal Jesus“-Programm anspricht. Die Nummern des gleichnamigen Albums präsentierte Nina Hagen in Marburg in stark abgespeckten Arrangements. Nur ein Trio – Gitarre, Bass und Keyboards – begleitete die Sängerin, die bei den Studioaufnahmen auf eine komplette Band und einen dynamischen Backgroundchor zurückgreifen konnte.

Immer wenn die Sängerin selbst zur Zwölfsaitigen griff, glitt dem schwer arbeitenden Gitarristen Warner Poland, Bassmann Michael Ryan und Keyboarder Fred Sauer das Songmaterial rhythmisch ein ums andere Mal so sehr aus den Händen, dass die eigentlich hochemotionalen Songs auf Jamsession-Niveau landeten. Nina Hagen singt gern und versiert neben dem Beat und braucht genau deshalb ein instrumentales Korsett, in dem sich ihre Stimmbänder räkeln können und von dem sie doch immer wieder konsequent eingefangen wird. Dieses Korsett saß am Donnerstagabend eindeutig zu locker, und wer sich die große dramatische Tiefe der knorrig gereiften Stimme Nina Hagens abholen wollte, musste die Augen schließen, auf Balladen warten und sich von allem spirituellen Popanz lösen.

Das war nicht immer einfach, zumal Nina Hagen in diesen Tagen nicht nur auf dem Jesus-Kreuzzug ist, sondern munter christliche Nächstenliebe mit Pazifismus vermengt und dabei offensichtlich nebenbei noch ein ganz persönliches Nahost-Sträußchen mit dem guten, alten „Wölfchen“ Biermann auszufechten hat – doch kaum jemand dürfte seine 45 Euro für sein Ticket bezahlt haben, um Zeuge verletzter Eitelkeiten und missverstandener politischer Standortbestimmungen zwischen den beiden werden zu müssen.

Fazit des Abends in der Pfarrkirche: Es war keines jener Gospelkonzerte mit kollektivem Wohlfühlfaktor, dafür gab‘s hautnah wie selten eine gewohnt exaltiert-verspielte Nina Hagen zu sehen. Für jeden Besucher also ein bisschen von dem, was er erwartet hatte – und ein Hauch von der Ahnung, dass das Studioalbum „Personal Jesus“ durchaus eine gute Investition sein könnte.

von Carsten Beckmann

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