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Marburg Freundlicher Applaus für den Ersatz
Marburg Freundlicher Applaus für den Ersatz
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18:58 07.03.2012
Martin Peschik leitete das Prager Festival Orchester in der Marburger Stadthalle. Quelle: Jan Bosch

Marburg. Als Ersatz kam ein Orchester in die Stadthalle, das sich aus Musikern verschiedener tschechischer Sinfonieorchester zusammensetzt. Solche Klangkörper gibt es auch in Deutschland – einer der besten war zu Beginn des Jahres beim Konzertverein zu Gast: die Westdeutsche Sinfonia. Den Vergleich mit diesem Spitzenorchester hält das Prager Festival Orchester nicht aus, und auch die meisten deutschen Stadttheater-Orchester der B-Kategorie können sich mit den Musikern aus der „Goldenen Stadt“ messen.

Was diese am Dienstag den 600 Zuhörern in Marburg boten, war grundsolides Orchesterspiel – ohne wirkliche Tiefpunkte, aber auch ohne Höhepunkte. Den Anfang machte das 50-köpfige Ensemble mit einem der musikalischen Nationalheiligtümer Tschechiens, der Tondichtung „Die Moldau“ aus Bedrich Smetanas Zyklus „Mein Vaterland“.

Dort fiel auf, dass Martin Peschik, der für den erkrankten Petr Chromcák eingesprungen war, die Blechbläser an der kurzen Leine hielt, damit diese nicht die für romantische Sinfonik zu klein besetzten Streicher in Grund und Boden spielten. Allerdings hatte dies auch zur Folge, dass dem Vorbeifließen der Moldau am Prager Fels Vyšehrad mit seiner sagenumwobenen Burg, wo sich heute ein Gedenkfriedhof befindet, das überwältigend Triumphale fehlte.

In den „Haydn-Variationen“ von Johannes Brahms war die Größe des Orchesters allerdings genau richtig. Dort zeigten sich alle Orchestergruppen, vor allem die besonders geforderten Holzbläser, von ihrer besten Seite. Den stärksten Eindruck des Abends hinterließ Peter Tschaikowskys fünfte Sinfonie. Ihre musikdramatische Anlage schien dem Temperament des 30-jährigen Dirigenten, der vor allem Opernkapellmeister ist, besonders entgegen zu kommen. Allerdings ist er kein Feuerkopf, lässt es eher gemächlich angehen, widmet sich dabei liebevoll jenen Stellen, in denen sich Tschaikowsky aussingt – etwa im verführerischen Geigen-Cantabile des zweiten Seitenthemas im Kopfsatz, vor allem aber im liedhaften zweiten Satz mit seinem wundervollen lyrisch-schwärmerischen Horn-Thema.

Dem folgenden Walzer allerdings hätte Peschik etwas mehr französische Eleganz verordnen können und dem voranstürmenden Finale etwas mehr asiatische Wildheit.

Das Publikum applaudierte freundlich und ausdauernd, auch ein einzelner Bravo-Ruf war zu vernehmen. Das Orchester aber hatte es eilig und verabschiedete sich um Viertel vor zehn ohne Zugabe in Richtung Tournee-Bus.

Beim nächsten Konzertverein-Termin am Donnerstag, 22. März, ab 20 Uhr in der Stadthalle Marburg gestalten die ungarische Sopranistin Polina Pasztircsák und der renommierte Pianist Jan Philip Schulze einen hochinteressanten Liederabend mit Musik des 20. Jahrhunderts aus Ungarn, Frankreich, Österreich und Deutschland.

von Michael Arndt