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Marburg Frauenhaus Marburg bietet Schutz und Hilfe
Marburg Frauenhaus Marburg bietet Schutz und Hilfe
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07:00 28.02.2018
Jede vierte Frau wird mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von Gewalt durch ihren Partner. Häusliche Gewalt hat viele Gesichter. Geld vorenthalten, nachspionieren, demütigen – auch das ist Gewalt. Quelle: Felix Busjaeger
Marburg

Über Marburgs Frauenhaus lassen sich zwei ­Geschichten erzählen. Die eine handelt von den Frauen, denen das Haus Schutz vor gewalttätigen Partnern bietet, denen es wieder auf die Beine hilft und ihnen ein zweites, ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht. Die andere Geschichte ist die des Geldes. Das ist stets knapp. Denn die Finanzierung des Hauses ist Flickschusterei. Die Mitarbeiterinnen hat das bislang noch nicht ernsthaft in die Bredouille gebracht, sie sind schließlich professionelle Problemlöser. Frustrierend ist die Lage für sie mitunter trotzdem.

Isa ist Ende 40, als sie gemeinsam mit ihrem elf Jahre alten Sohn ein Zimmer im Frauenhaus bezieht. Sie kommt aus dem Libanon. Gemeinsam mit ihrem Jungen ist sie über Syrien nach Deutschland geflohen. Ihr Ehemann wollte später nachkommen. In einer Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge lernt Isa die ersten Worte Deutsch, erfährt Unterstützung und merkt, dass es ihr gut geht ohne die Angst, ohne die Schläge, ohne ihren Ehemann.

Jede vierte Frau wird mindestens einmal Opfer von Gewalt

Als sie ihm am Telefon sagt, dass sie sich in Deutschland ein Leben ohne ihn vorstellen kann, droht er: „Ich bring dich um.“ Das sagt er auch den Polizisten an der Grenze, die ihn zurückhalten, bis Isa in Sicherheit ist. Sie taucht im Frauenhaus unter und erhält Zeit, durchzuatmen, Kräfte zu sammeln und ein neues Leben zu planen.

Gewalt in der Familie ist weit verbreitet. Laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums (2004) wird in Deutschland jede vierte Frau mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von Gewalt durch Ehepartner, Freund oder Geliebten. Betroffen sind nicht nur geflüchtete Frauen – oder Frauen bestimmter Schichten, wie der Spruch „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“ fälschlicherweise­ unterstellt. Laut Soziologin Claudia Bergelt (rechtes Foto: Heitz) trifft es die Richterin wie die Lehrerin, die Hausfrau wie die Reinigungskraft. Der einzige Unterschied zwischen der Akademikerin und der Arbeitslosen ohne Berufsabschluss: Die Akademikerin wisse sich in der Regel besser zu helfen – und sei deswegen im Frauenhaus auch eher die Ausnahme.

Problem: Mit Spenden lässt sich schlecht planen

„Den Frauen, die zu uns kommen, fehlen Ressourcen“, formuliert es Frauenhaus-Mitarbeiterin Bergelt. Sie spricht vom Rückhalt im Freundes- und Bekanntenkreis, vom Wissen, wo man sich Unterstützung holen kann, wie auch vom Geld, sich eine eigene Wohnung zu nehmen. Um Marburgs Frauenhaus ein Jahr lang am Laufen zu halten, ist ein sechsstelliger Betrag nötig. Für den Trägerverein „Frauen helfen Frauen“ ist das jedes Jahr aufs Neue eine Herausforderung. Neben Landesmitteln plant der Verein mit Zuschüssen von Kreis und Stadt, mit Spenden und Bußgeldern. Das Problem: Mit Spenden lässt sich schlecht planen.

Psychologin Monika Galuschka (Foto: Frederike Heitz) fühlt sich vor allem vom Land im Stich gelassen. Die Landesmittel sollten ursprünglich mal 90 Prozent der Personalkosten decken, sagt die Frauenhaus-Mitarbeiterin. Inzwischen reiche es gerade mal für 51 Prozent.

SPD und CDU im Kreistag lehnen höhere Zuschüsse ab

Enttäuscht sind die Mitarbeiterinnen auch von der Groko im Kreis. Ende 2017 schlugen die Grünen vor, den Kreiszuschuss zum Frauenhaus um 6.000 Euro zu erhöhen. Der Zuschuss sei seit Jahren nicht erhöht worden, begründeten sie ihren Antrag. Die Kosten stiegen aber stetig. Zum Beispiel, weil jetzt auch geflüchtete Frauen ins Haus drängten. Um ihnen helfen zu können, braucht es Dolmetscher. Für die gibt es aber kein Budget.

Der Vorstoß der Grünen scheiterte an den Stimmen von CDU und SPD. Der Fortbestand des Hauses sei dadurch nicht bedroht, sagt Monika Galuschka. Aber es sei anstrengend, dem Geld hinterherlaufen zu müssen, sagt Claudia Bergelt. Das Frauenhaus hat zehn Zimmer. Der Platz reicht für 24 Frauen und Kinder. Die Bewohnerinnen zahlen 11,50 Euro Miete pro Tag und Person. Wer ein eigenes Einkommen hat, zahlt selbst. Für die anderen – und das sind die meisten – springt das Kreisjobcenter ein.

Im Frauenhaus gibt es in erster Linie Schutz und Hilfe zur Selbsthilfe

Es ist laut und eng im Frauenhaus. Es gibt dort in erster Linie Schutz und Hilfe zur Selbsthilfe. Wie eröffne ich ein eigenes Konto, wie lasse ich mich scheiden, wie finde ich einen Psychologen, wie eine eigene Wohnung? All das wird in kleinen Schritten angegangen.

Im vergangenen Jahr hat das Haus 95 Frauen und Kindern Unterschlupf gewährt. 55 wurden abgewiesen. Einige wegen Drogenproblemen, andere, weil ihre­ Söhne älter als zwölf Jahre alt waren, wieder andere, weil kein Zimmer frei war. Das passiert nicht nur in Marburg. „Immer häufiger finden Frauen keinen Schutz mehr in einem Frauenhaus“, schlägt die Diakonie Alarm. Viele der bundesweit 350 Frauenhäuser müssten Frauen abweisen. Es fehle an Plätzen, es fehle an Geld. Steigende Mieten und Wohnungsmangel verschärften das Problem.

Frauen wagen Neustart aus dem Frauenhaus heraus

So sieht das auch Claudia Bergelt. Für Frauen mit zwei, drei Kindern sei es schwer auf dem Wohnungsmarkt im Kreis. Ganz düster sehe es für alleinstehende Frauen aus. Sie müssten mit Studenten um Wohnungen konkurrieren. Sie blieben im Frauenhaus, obwohl sie längst auf eigenen Beinen stehen wollen. Denn das passiert: Frauen wagen, gestärkt durch den Aufenthalt im Frauenhaus, den Neustart. Es gibt auch Frauen, die sich wieder mit ihren Ehemännern versöhnen. „Es ist legitim zu sagen: ,Ich gebe ihm noch eine Chance.‘“, sagt Monika Galuschka. Zumindest, wenn der Mann seinen Fehler einsehe.

Isa ist klug und durchsetzungsstark. Ruckzuck lernt sie Deutsch. Obwohl sie keinen Berufsabschluss hat, sind die Mitarbeiterinnen im Frauenhaus sicher: Isa wird in Deutschland allein zurecht kommen. Doch nach fünf Monaten kehrt sie zu ihrem Mann zurück.

Ein glückliches Ende gibt es nicht immer zu erzählen

„Wir erleben­ oft, dass geflüchteten Frauen die Gemeinschaft der Familie fehlt“, sagt Claudia Bergelt. Bei Isa war es mehr als das. Ihre Familie machte Druck. Sie mache die Familie kaputt, sagten zwei ihrer bereits erwachsenen Kinder. Ihr Ehemann sagte, ihrer Schwester werde Säure ins Gesicht geschüttet, wenn sie nicht zu ihm zurückkomme. „So etwas lähmt“, sagt Claudia Bergelt. Sie könne nicht raten, solche Drohungen nicht ernst zu nehmen.

Ein Happy End sei das natürlich nicht. Die gebe es auch nicht immer. Trotzdem ist sie überzeugt, dass jede Frau etwas aus der Zeit im Frauenhaus mitnimmt: Wissen, Stärke, Selbstbewusstsein.

*Isas Name wurde geändert. Ihre Geschichte haben Claudia Bergelt und Monika Galuschka vom Frauenhaus nacherzählt.

von Friederike Heitz