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Marburg Die Täter in der Tötungsmaschinerie
Marburg Die Täter in der Tötungsmaschinerie
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00:17 25.06.2018
Gebeine von Völkermord-Opfern liegen in einer Gruft in einer Gedenkstätte im afrikanischen Staat Ruanda. Quelle: Jesko Johannsen / dpa
Marburg

„Es gibt unzählige Beispiele für extrem böse Aktionen in der Weltgeschichte“,­ meint Timothy Williams. Die Ghettoisierung, Deportation­ und Tötung von Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen, Behinderten und anderen „antisozialen Elementen“ durch die Nationalsozialisten.

Die Vertreibung von Armeniern aus ihren Häusern, gefolgt von Gewaltmärschen in die Wüste, wo sie Freiwild für Plünderungen, Vergewaltigung und Tötung wurden. Oder die Gefangennahme von Bosniern in Konzentrationslagern im ehemaligen Jugoslawien mit anschließenden Tötungen und Vergewaltigungen.

„Völkermord ist der Extremfall von Gewaltformen, die in der Konfliktforschung analysiert werden“, erläutert Timothy Williams im Gespräch mit der OP. Bei der blutigen Verfolgung der Tutsi durch die Hutu im afrikanischen Staat Ruanda wurden im Jahr 1994 innerhalb von rund 100 Tagen fast eine Million Menschen getötet.

Während der Schreckensherrschaft der Roten Khmer von 1975 bis 1979 wurden im Namen des Pol-Pot-Regimes rund zwei Millionen Menschen – also rund ein Drittel der Bevölkerung – aus politischen Gründen umgebracht. Ein drittes Beispiel des Völkermordes ist der schon oben erwähnte Holocaust, bei dem die Nationalsozialisten in Deutschland im Rahmen der sogenannten „Endlösung“ von 1942 bis 1945 sechs Millionen Juden in den NS-Vernichtungslagern systematisch töteten.

Die Täter waren ganz normale Menschen

Vor allem der Holocaust und der Völkermord in Ruanda sind vielfältig sowohl von Historikern und Sozialwissenschaftlern ­erforscht worden. Unter anderem geht es in den Forschungsarbeiten um die Leiden­ der ­Opfer und die Rolle der Drahtzieher der völkerrechtswidrigen Verbrechen.

Weniger erforscht war bisher, aus welchen Gründen sich ganz gewöhnliche Menschen als ­Täter an den Tötungsmaschinerien des Völkermordes beteiligt haben. Dieser Frage ist ­Williams für seine Doktorarbeit nachgegangen. Ihm ging es um die Analyse der Motivation des „Fußvolks“, das den Völkermord erst ermöglichte. Nicht nur um diejenigen, die direkt töteten, sondern auch um die anderen, die beispielsweise Verhöre leiteten oder Gefangene bewachten.

Es sei bemerkenswert, dass die Menschen, die sich daran beteiligten, psychologisch gesehen in keiner Weise besonders abweichend vom Rest der Bevölkerung gewesen seien. Es seien ganz gewöhnliche Menschen gewesen, die allerdings an außergewöhnlich brutalen Taten beteiligt gewesen seien. „Aber wenn nicht das in ihnen angelegte Böse die Aktionen dieser Männer und Frauen angetrieben habe, was dann?“, fragt Williams.

Kambodscha war ein Sonderfall

Auf diese simple Frage könne er aber nur komplexe Antworten geben. In einer Metastudie verknüpfte Williams die Erkenntnisse der Fachliteratur aus den vergangenen Jahrzehnten zum Nazi-Holocaust und zu Ruanda. Daraus entwickelte er ein theoretisches „Modell der Komplexität des Bösen“, das als allgemeingültiges Erklärungsmuster der Motivationen zur Beteiligung am Völkermord dienen sollte.

Williams überprüfte dann, ob man dieses bisher einzigartige Modell auch zur Erklärung eines Falles nutzen kann, der deutlich anders gelagert war, und zwar des Völkermords in Kambodscha.

„Die totalitäre Art dieses Staates war viel stärker als anderswo auf der Welt“, so Williams. Zudem hätten sich auch die kulturellen Gegebenheiten wie beispielsweise der buddhistische Hintergrund dort grundsätzlich von denen in den anderen Fallstudien unterschieden. Die Gesellschaft des Pol-Pot-Regimes habe sich durch ihre besondere Mischung von Kollektivismus und Statusorientierung ausgezeichnet, und dadurch, dass ein Großteil der Tötungen in Kambodscha politisch motiviert gewesen sei.

Ein Bündel von Motiven

Zum Test seines Modells führte Williams bei einem längeren Forschungsaufenthalt in Kambodscha Interviews mit 58 ehemaligen Angehörigen der Roten Khmer, die dem Terror-Regime in den 70er-Jahren gedient hatte (siehe Artikel unten). Letztendlich kam heraus, dass das von Williams erstellte Modell in allen drei Fällen passte.

Die Hauptaussage: Ethnischer Hass oder eine fremdenfeindliche Ideologie spielte laut Williams nicht die entscheidende und ­alles erklärende Rolle bei der Frage nach der Beteiligung von Menschen am Völkermord. Allenfalls sei es schon so, dass die Ideologie einen Rahmen aufspanne, der dieses Handeln ermögliche oder erleichtere.

Stattdessen gebe es aber meistens ein ganzes Bündel von Motiven, das dazu führe, sich der Beteiligung am Genozid anzuschließen beziehungsweise nicht zu entziehen. Gehorsam und Angst vor Sanktionen durch die Obrigkeit, aber auch Zwang und den Druck einer Gruppe nennt Williams als einige Beispiele für diese „sozialen Dynamiken“, die Menschen zu Tätern beim Völkermord werden ließen.

Fazit: Fast alle können zu Tätern werden

In Ruanda hätten beispielsweise die starken sozialen Bindungen und Zwänge innerhalb der Mehrheitsgruppe der Hutu und deren Angst um ihre eigene Sicherheit nach chaotischen Zuständen im Land Menschen zu Gewalttätern im Völkermord werden lassen. Die ernüchternde Konsequenz aus Sicht des Marburger Forschers: „Die allermeisten Menschen würden unter den außergewöhnlichen Umständen einem sehr autoritären System, das dies von ihnen verlangt, bei einem Völkermord mitmachen.“

Ausgehend von Hannah Arendts theoretischem Konzept der ­„Banalität des Bösen“ am Beispiel des Nazi-Täters Adolf Eichmann spricht Williams von der „Komplexität des Bösen“. Williams will seine Forschungen in keiner Weise als Relativierungen der Gräueltaten verstehen. „Das zu verstehen und erklären, bedeutet in keiner Weise, die Taten zu rechtfertigen“, sagte er im Gespräch mit der OP.

Abgeleitet von seinen ­Erkenntnissen könne man aber auch Präventionsprogramme in ­gefährdeten Ländern konzipieren. Diese sollten dann dazu dienen, Ideologien oder Stereotypen abzubauen und die kritischere Wahrnehmung von ­sozialen Gruppendynamiken zu schulen.

von Manfred Hitzeroth

Zur Person

Timothy Williams (31, Foto: Hitzeroth) wurde­ in England geboren und wuchs in Bensheim an der Bergstraße auf.

Er ist seit 2013 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Friedens- und Konfliktforschung der Uni Marburg.

Er studierte von 2007 bis 2010 an der Universität Mannheim Politikwissenschaft sowie von 2010 bis 2011 den Studiengang Konfliktwissenschaft an der London School of Economic. Es schlossen sich Forschungsaufenthalte in Thailand, ­Armenien und Kambodscha an.

Nach dem Bachelor-Abschluss in Mannheim und dem Masterabschluss in London schloss er 2017 seine von Professorin Susanne Buckley-Zistel am Zentrum für Konfliktforschung in Marburg betreute Doktorarbeit „Die Komplexität des Bösen“ ab (siehe HINTERGRUND).

Seit November 2017 ist er am Zentrum Projektleiter im Projekt „Opferschaft nach Massengewalt“. Seine Forschungsschwerpunkte sind Gewaltforschung im Allgemeinen sowie im Speziellen die Erinnerung an und Aufarbeitung von Gewalt in Ruanda und Kambodscha.

Hintergrund

Diesen Freitag, 22. Juni, erhält Timothy Williams zusammen mit vier weiteren Nachwuchsforschern der Marburger Universität den mit jeweils 1000 Euro dotierten Promotionspreis der Marburger Universität. Die feierliche Verleihung des Preises findet ab 16 Uhr in der neuen Uni-Bibliothek statt.

Williams erhält den Preis für die beste Doktorarbeit in der Sektion Gesellschaftswissenschaften. Seine Dissertation wurde unter dem Titel „The Complexity of Evil. Modeling Perpetration in Geno­cide“ auf Englisch verfasst, weil die überwältigende Mehrheit der Veröffentlichungen in der Konfliktforschung in der Wissenschaftssprache Englisch verfasst werden.

Obwohl die Begutachtung seiner Arbeit schon mit der Note „summa cum laude“ erfolgt ist und er jetzt bereits den Promotionspreis der Uni Marburg erhält, darf er erst ab dem Zeitpunkt der Veröffentlichung offiziell den Doktortitel führen. 

„Wir mussten ein Tiger sein – grausam wie sie“

Feldforschung in Kam­bodscha: Zwischen Juli 2014 und Januar 2015 
befragte Timothy Williams für seine Doktorarbeit in zehn Provinzen insgesamt 58 ehemalige Angehörige der Roten Khmer. Die Interviews, die Timothy Williams jeweils mit Unterstützung eines kambodschanischen Übersetzers führte, wertete er für seine Doktorarbeit aus.

Die Befragten – darunter drei Frauen – waren zwischen 50 und 92 Jahre alt. Vor Beginn der vier Jahre währenden Herrschaft des „Pol Pot-Regimes“ der Roten Khmer in Kambodscha in den 70er-Jahren waren die meisten von ihnen Mittzwanziger und waren einfache Bauern.

Bei seinen Gesprächen stellte­ Williams unter anderem Fragen dazu, wie sie für die Roten Khmer rekrutiert wurden, welche Positionen sie dann dort innehatten und wie es in der fraglichen Zeit mit Gewaltanwendung aussah und wie sie heute im Rückblick die Zeit der Herrschaft des Pol Pot-Regimes bewerten. Dabei wandte Williams oft die Technik des indirekten Fragens an, in dem er die ­Inter­­­ viewpartner beispielsweise über die Beteiligung von Dritten an Tötungen befragte.

Der ehemalige Präsident der Roten Khmer, Khieu Samphan, stand vor dem Völkermordtribunal. Foto: Nhet Sok Heng / dpa

„Durch ihre Erzählungen über den Alltag bei den Roten Khmer konnte ich auch viele Rückschlüsse über die sozialen Dynamiken ziehen“, erläutert Williams im Gespräch mit der OP.

„Als wir uns den Roten Khmer anschlossen, war es, als ob wir eine Tiger-Zone betraten, also mussten wir ein Tiger sein wie sie. Grausam sein wie sie. Keine Moral wie sie“, sagte beispielsweise ein Milizführer. 

Die Gespräche boten dem Forscher Einblicke in die Motivation der „Roten Khmer“-Kader. Kader in den Tötungseinheiten wurden in diesen Gesprächen auch als Menschen mit höherem Status beschrieben, die durch den Akt des Tötens Gesicht gewinnen konnten.

Auch weitere prägnante Zitate aus den Antworten flossen in die Doktorarbeit ein. Zudem fügte der Marburger Konfliktforscher neun exemplarische Beispiele von Gesprächen in die Dissertation ein, in denen die Befragten ihre Zeit bei den Roten Khmer Revue passieren lassen.

Für seine Forschung nahm Williams auch Einsicht 378 ­Tagebüchern von ehemaligen ­Kadern der Roten Khmer. Zwar standen darin vor allem Themen rund um militärische Taktiken und die Kampf-Ausbildung im Vordergrund, aber auch zu der für seine Zwecke besonders entscheidendem ideologischen Training fand Williams dort spannende Passagen.

Basis eines totalitären Regimes

Erste Ergebnisse der Feldforschung von Timothy Williams flossen bereits in die Wanderausstellung „Entering the Tiger Zone“ ein, die elf von dem Fotografen Daniel Welschenbach angefertigte Fotoporträts von ehemaligen Kämpfern der Roten Khmer und zusätzliche erklärende Text-Tafeln zeigte.

„Die Kader der Roten Khmer waren die Basis eines totalitären Regimes“, bilanziert Williams. „Ihre Aktionen haben geholfen, ein gewaltsames Regime zu etablieren und aufrecht zu erhalten.

Aber sie waren selbst kaum ideologische Fanatiker, sie waren auch nicht alle Sadisten oder gehorsame Werkzeuge der Führungseliten“. Zudem seien ihre Handlungen während des Regimes der Roten Khmer nicht nur von Unterstützung für das Regime, sondern auch von passivem oder aktivem Widerstand sowie von Leiden und Opferschaft geprägt gewesen. 

von Manfred Hitzeroth