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Marburg Bewerber fühlen sich nicht ernst genommen
Marburg Bewerber fühlen sich nicht ernst genommen
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00:18 07.12.2018
Auf unserem nachgestellten Foto ist das Szenario eines Bewerbungsgesprächs zu sehen. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Sie bilden eine Hürde, die sich vor jedem Arbeitnehmer vor dem Eintritt in das Berufsleben aufbaut oder dann, wenn er einen Jobwechsel anstrebt: Bewerbungsgespräche. 
Sie sind also etwas Alltägliches, sie sind aber für die meisten Bewerber mit Stress verbunden.

Denn abhängig von der Beschäftigungslage in der jeweiligen Branche können sie eine Art Nadelöhr vor dem Start in den Job darstellen. Im Bewerbungsgespräch muss sich der Bewerber vor dem Personalchef und weiteren Firmenoberen möglichst gut darstellen. Der Ausgang des Bewerbungsgesprächs ist aber ungewiss, je nachdem wie viele Mitbewerber es für den Job gibt. Hinzu kommen neue Kommunikationswege und Recherchetools im Zeitalter der Digitalisierung.

Aber mit welchen Gefühlen begeben sich Bewerber eigentlich in einen Bewerbungsprozess? Und wie fühlen sie sich während des Bewerbungsgesprächs? Das wollte der Marburger Kulturwissenschaftler Professor Manfred Seifert genauer wissen. Zu diesem Zweck befragte er zusammen mit seiner Mitarbeiterin Hannah Seidler und in Kooperation mit dem Online-Karriere-Portal „Softgarden“ in ausführlichen Telefoninterviews 100 Teilnehmer.

Frust und Machtlosigkeit

Einschlägige persönliche Erfahrungen als Teilnehmer an Bewerbungsgesprächen kann auch Seifert selbst vorweisen. Abgesehen von einem Extremfall, bei dem er bei seiner Bewerbung für eine seinerzeit im fachlichen Umwidmungsprozess befindliche Professur seitens der Berufungskommission auf „förmliches Desinteresse“ gestoßen sei, habe er bei seinen Bewerbungen aber durchaus einiges über die Funktionsweise von Bewerbungsgesprächen im akademischen Sektor gelernt.

„Insgesamt habe ich zwar kleinere Blessuren davongetragen, aber ich bin daran gewachsen“, berichtet er im Gespräch mit der OP. So ähnlich geht es auch den Bewerbern für Arbeitsplätze auf dem nicht-akademischen Arbeitsmarkt.

Von Frust und Machtlosigkeit über Gefühlschaos bis hin zu Resignation reicht einerseits die Palette der Bewerbergefühle, beschreibt Seifert das Zwischenergebnis seiner Studie zum Thema „Erlebnisraum Bewerbung“. Auf der anderen Seite stehen aber nach seinen Angaben auch der Spaß am Wettbewerb oder der Wunsch nach persönlicher Weiterentwicklung als positive Erlebnisse.

Doch in Sachen Bewerbungsverfahren steht nicht alles zum Besten: Der Bewerbungsprozess ließe sich aus Sicht der Bewerber durch ein einfühlsameres und persönlicheres Vorgehen der Arbeitgeber deutlich angenehmer gestalten, so ein Fazit der Studie. Hauptkritikpunkt war, dass viele Bewerber sich in den Bewerbungsgesprächen nicht ernst genommen fühlten.

Das deutet laut Professor Seifert einerseits darauf hin, dass die Bedürfnisse der Bewerber wirklich nicht immer so ernst genommen werden. Andererseits sei es auch so, dass bei den Bewerbern die Anspruchshaltung gegenüber früheren Jahren deutlich gestiegen sei. „Sie stellen sich vor, dass sie wie in der Schule an die Hand genommen werden“, sagte Seifert im Gespräch mit der OP.

Enttäuschung über 
Standardabsagen

Viele Interviewpartner empfanden den Umgang von Arbeitgebern mit ihnen als unangemessen oder gar respektlos. Dabei spielten die als zu lang empfundene Dauer des Bewerbungsprozesses und die Enttäuschung über automatisierte Standardabsagen eine wichtige Rolle. „Also, man bewirbt sich ja als Person, als Mensch, und ich werde aber eigentlich behandelt als eine Ware, die auf amazon.de 
angeboten wird,“ berichtete eine Interviewpartnerin.

Mit steigender Erfahrung in Sachen Bewerbungsgespräche werden Bewerber aber etwas gelassener im Umgang mit standardisierten Absagen, resümiert Seifert. Aufgrund der Befragungsergebnisse haben Seifert und Seidler eine Typologie mit vier unterschiedlichen Typen von Bewerbern herauskristallisiert:

  • Da gibt es die selbstbewussten „Macher mit Nehmerqualitäten“. Dies seien Bewerber, die sich ungeachtet aller Hindernisse im Bewerbungsprozess immer wieder „durchboxen“ würden. „Sie lamentieren nicht groß, sondern schaffen es, sich auf neue Gegebenheiten einzustellen“, so Seifert.
  • Eine zweite Kategorie bezeichnet die zurückhaltend-defensiven Bewerber mit einer eher konservativen Sozialmoral. Diese Bewerber zeigen laut Seifert eher klassische Arbeitnehmer-Eigenschaften. „Sie möchten einen geregelten Job mit klaren Verhältnissen und Hierarchien“, erläutert der Kulturwissenschaftler.
  • In die dritte Kategorie fallen diejenigen, die schon über ein großes Maß an Berufserfahrung verfügen und sich durch Ehrgeiz und Karrierebewusstsein auszeichnen. Aufbauend auf ihren beruflichen Erfahrungen streben sie möglichst qualifizierte Arbeitsstellen an.
  • In der vierten Gruppe fasst der Forscher die mitunter zur Selbstüberschätzung tendierenden, eher jüngeren Berufseinsteiger ohne tiefere Arbeitserfahrungen auf dem regulären Arbeitsmarkt zusammen. Zugleich brächten sie ein stark auf Persönlichkeitsbildung und Lebensfreude fokussiertes Arbeitsverständnis mit. „Hier dürften Widersprüche zwischen Erwartung und Realität im späteren Berufsalltag vorprogrammiert sein“, kommentiert der ­Forscher. 

Zur Person

Professor Manfred Seifert (56) ist seit 2013 Professor für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaften an der Uni Marburg. Nach dem Abitur schloss der gebürtige Rosenheimer eine Handwerkslehre mit dem Gesellenbrief ab und studierte von 1984 bis 1989 Volkskunde, Geschichte und Psychologie an den Universitäten Passau, Wien und Tübingen.

Ab 1994 war er wissenschaftlicher Assistent und nach seiner Habilitation 2002 auch Privatdozent und außerplanmäßiger Professor am Lehrstuhl für Volkskunde der Universität Passau. Von 2006 bis 2013 war er Bereichsleiter für Volkskunde am Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde in Dresden. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Technikkultur und Arbeitskulturen sowie die Kulturpolitik des Nationalsozialismus und Popularmusikkultur.

Hintergrund

Der Marburger Kulturwissenschaftler Professor Manfred Seifert ist Mitglied der wissenschaftlichen Kommission des Fachs Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaften zum Thema Arbeitskultur. Von der Kommission wird die Dynamik der heutigen Arbeitsverhältnisse vorrangig aus der Perspektive der Beschäftigten erforscht. Dabei interessiert er sich in seinen Forschungsvorhaben vor allem für den Arbeitswandel der Gegenwart.

Wie verändert sich das Arbeitsleben? Und wie gehen die Arbeitnehmer damit um? Das sind zwei entscheidende Fragen für Seifert. Nach der aktuellen Studie zum 
Thema Bewerbungsgespräche will sich der Marburger Forscher einem weiteren wenig untersuchten Forschungsthema widmen. Dabei geht es um die besondere Qualität der handwerklichen Arbeit.

„Welche Befriedigung hat man, wenn man einen Hammer in die Hand nimmt und ihn dann benutzt“, erläutert Seifert die Zielrichtung seiner Fragen. Dem Thema „Handarbeit“ könnte man sich mithilfe der Emotionsforschung und der Atmosphärenforschung nähern, zwei neuen Forschungsrichtungen, die in jüngster Zeit in der Europäischen Ethnologie verstärkt Aufmerksamkeit gewinnen.     

von Manfred Hitzeroth