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Marburg Forderung nach Großprojekt wird laut
Marburg Forderung nach Großprojekt wird laut
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00:18 27.08.2018
Staus in der Nordstadt: Wie lässt sich die Verkehrssituation in Marburg – zumal angesichts von möglichen neuen Wohngebieten in Marburg – entschärfen? Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Die Klagen der Anwohner rund um den Rotenberg, auch entlang der Graf-von-Stauffenberg-Straße und der Herrmannstraße, sind seit Monaten vernehmbar: Die Straßen seien wegen des stetig steigenden Verkehrsaufkommens an der Grenze ihrer Belastbarkeit angelangt. Ihre Tauglichkeit als Verbindung zur Innenstadt für täglich mehrere Tausend Menschen wird auch von Experten in der Universitätsstadt überaus skeptisch gesehen.

Und auch die seit Jahrzehnten bestehenden und sich verschärfenden Behringverkehr-Staus, die sich von Marbacher Weg und Ketzerbach vor allem über die Nordstadt bis auf die Stadtautobahn schlängeln, lassen Stimmen für die Errichtung einer neuen Infrastruktur laut werden. Vor allem der Bau einer sogenannten Westtangente ist während der aktuellen Wohngebietspläne im Marburger Westen wieder zum Diskussionsgegenstand geworden.

Der öffentliche Stadtteilspaziergang in 
Ockershausen für das mögliche Baugebiet am Hasenkopf am Stadtwald findet diesen 
Samstag, 25. August, ab 11 Uhr statt. 
Treffpunkt ist der „Platz der Weißen Rose“. Dauer laut Veranstalter: zirka vier Stunden.

OB zu Westtangente: „Hat niemand vor im Moment“

In der Marbach wie im Stadtwald rücken Straßenbauprojekte wie Westtangente und Behringtunnel in den Fokus. „Es muss eine große Lösung her. Michelbach und die Lahntal-Gemeinden wachsen weiter, bald kommen Hunderte bis Tausende neue Bewohner in der Marbach oder in Ockershausen – oder vielleicht gar in beiden Stadtteilen.

Sobald es eine Westtangente oder den Behringtunnel gibt, sind realistisch befahrbare Radwege über den Marbacher Weg möglich“, sagte etwa ein Teilnehmer des Stadtteil-Spaziergangs am vergangenen Wochenende. Dafür erntete er Applaus von vielen der rund 200 Bürger.

Anders die Haltung von Magistrat und Stadtplanung: „Die großen Würfe bringen erfahrungsgemäß längst nicht die verkehrliche Entlastung, die sich viele davon versprechen. Westtangente und Behringtunnel sind auch für die Zukunft keine passenden Lösungen“, entgegnete Reinhold Kulle, Stadtplaner. „Niemand hat im Moment die Idee, die Westtangente zu bauen“, sagte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) bereits beim Auftakt der Wohnbebauungs-Bürgerbeteiligung in der Stadthalle vor wenigen Monaten.

Ein Nadelöhr: Sybelstraße, Rotenberg und Barfüßertor treffen aufeinander. Foto: Thorsten Richter

Die „Westtangente“: So wird ein mehr als 20 Jahre alter verkehrspolitischer Dauerbrenner bezeichnet, der seit der Konversion der früheren Bundeswehrflächen auf dem heutigen Stadtwald heiß diskutiert wurde. Damit wird eine Verbindung zwischen der Kreisstraße 68 von Hermershausen über Dreilinden nach Ockershausen und der Kreisstraße 72 von Elnhausen über Wehrshausen nach Marburg bezeichnet.

Sie führt direkt über das wichtige Naherholungsgebiet „Alte Weinstraße“ oder zumindest parallel zu diesem uralten Verbindungsweg. Sie wurde im Verkehrsentwicklungsplan aus dem Jahr 2000 schon abgelehnt, weil sie zu wenig Entlastung für die Herrmannstraße, die Ockershäuser Straße und den Rotenberg bringe. Zudem ist die Alte Weinstraße Naturschutzgebiet.

„Westtangente“ ist schon lange im Gespräch

Vor allem in Ockershausen gab es damals Stimmen in der Bevölkerung, die sich für die „Westtangente“ einsetzten. Im politischen Raum wurden sie im Parlament vor allem durch die „Bürger für Marburg“ (BfM) und die FDP vertreten, auch die CDU setzte sich dafür ein. Die bürgerlichen Parteien forderten damals vergeblich eine Machbarkeitsüberprüfung.

Ein Antrag, Geld dafür in den Haushalt einzustellen, wurde von der damaligen rot-grünen Koalition abgelehnt. Hauptargument der „Westtangenten“-Befürworter: Durch eine einfache Verlängerung der „Westtangente“ am Stadtwald vorbei bis Gisselberg sei ohne großen Aufwand die „Westumfahrung“ von Marburg geschaffen, die einen Teil des Verkehrs nach Süden abfließen lassen könne. Die Kosten wurden Mitte der 90er-Jahre mit rund 4,5 Millionen Euro geschätzt.

So richtig Sinn mache die „Westtangente“ auch laut ihrer Befürworter aber nur mit einem anderen verkehrspolitischen Dauerbrenner: dem „Behringtunnel“. Mit diesem Stichwort ist die Idee gemeint, zwischen der Emil-von-Behring-Straße und der Stadtautobahn auf Höhe Afföller einen Tunnel zu bauen, der vor allem dem Berufsverkehr von und zu den Behring-Nachfolgefirmen die Fahrt durch das Nadelöhr Nordstadt (Bahnhofstraße/Elisabethstraße/Ketzerbach/Marbacher Weg) erspart.

Die Baukosten wurden Mitte der 2000er-Jahre auf rund 45 Millionen Euro geschätzt. Mit der Kombination aus Westtangente und Behringtunnel hätte der Verkehr aus Richtung Westen auf die B 3 und somit aus der Stadt herausgeführt werden können, sagten damals die Befürworter. „Nur eine Ringlösung“, sagte 2002 der Ockershäuser Kommunalpolitiker Reinhold Drusel, „zu der eben auch die Westumfahrung gehört“, könne die Verkehrsbelastung im Westen und Norden der Stadt reduzieren.

Idee von autofreiem Wohnen
 ist rechtlich umstritten

Seitdem werden beide Straßenprojekte immer wieder mal wieder aus der kommunalpolitischen Mottenkiste hervorgekramt. Insbesondere der „Behringtunnel“ ist angesichts des hohen Leidensdrucks sowohl der Autofahrer wie auch der Anlieger im Nordviertel wie in der Marbach immer wieder ein Thema. So äußerte sich der heutige CDU-Parteichef Dirk Bamberger im Oberbürgermeister-Wahlkampf 2015: „Der Berufsverkehr zu den Behringwerken morgens und von den Behringwerken in Richtung Osten lässt sich nicht wegdiskutieren. Es fehlt an alternativen Routen durch die Stadt in Ost-West-Richtung. Ich bin zumindest dafür, dass man das Thema Behringtunnel noch einmal bespricht.“

Im Gegensatz zu Großprojekten wie Behringtunnel und Westtangente will die Stadtspitze aber offenbar auf einen Mix aus Verkehrsvermeidungsstrategien setzen. Neben einer, wie Spies sagt, „Schlüsselrolle“ für den Nahverkehr, der Pendel-Busse in Richtung Behringwerke einschließen soll, schielt man im Rathaus – nicht zuletzt wegen des anhaltenden E-Bike-Booms – weiterhin auf die Möglichkeit passender Radwege-Verbindungen aus der Stadt in Richtung des Werksgeländes.

Die Bahnhofstraße bietet regelmäßig Gesprächsstoff für die Verkehrsdebatte. Foto: Thorsten Richter

Auch die Idee von einer im Bebauungsplan festzuschreibenen Regelung wie „autofreies Wohnen“ – ein Vorschlag, der in der jüngsten Wohnviertel-Debatte vor allem von ADFC-Vertreter Wolfgang Schuch vertreten wurde – ist laut OB angesichts der Verkehrszunahme-Sorgen in den Stadtteilen möglich. „Darüber sollte man nachdenken“, sagte er während des Stadtteil-Spaziergangs in der Marbach.

Doch ob „autofreies Wohnen“ rechtlich überhaupt zulässig, faktisch durchsetzbar ist, daran gibt es Zweifel: Eine Gerichtsentscheidung in Münster aus dem Jahr 2014 lautet, dass Vermieter einer Wohnung dem Mieter das Halten oder regelmäßige Nutzen eines Kraftfahrzeugs auch dann nicht generell verbieten können, wenn die Wohnung Teil eines autofreien Wohnprojekts ist. Begründung der Juristen:

„Das Interesse der Beklagten am Wegfall der Klausel liegt in der Wiedererlangung ihrer Individualmobilität und damit freier Entscheidung über die Anschaffung bzw. Vorhaltung und Nutzung eines (oder mehrerer) Fahrzeuge. 
Durch den Wegfall der Klausel entfiele die durch den unfreiwilligen Verzicht auf Fahrzeuge bewirkte erhebliche Einschränkung in der persönlichen Lebensführung, insbesondere auch im Zusammenhang mit der Ausübung einer beruflichen Tätigkeit, die häufig die Nutzung eines Kraftfahrzeuges erfordert.“

von Björn Wisker 
und Till Conrad