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Marburg 200 nach Marburg? Land sagt nein
Marburg 200 nach Marburg? Land sagt nein
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00:19 02.09.2018
Mehr als 300 Menschen demonstrierten Montagabend für Seenotrettung. Die Demo endete vor dem Rathaus, dessen Fenster aus Solidarität orange behängt waren.  Quelle: Nadine Weigel
Marburg

„Wenn jemand ertrinkt und keiner sieht zu, ist er dann ertrunken? Die Regierung sagt: Nein, ist er nicht.“ Gut 300 Demonstranten hörten auf dem Marburger Marktplatz durch eine Audiodatei die Worte der Seenotrettung Malta.

„Ihr seid der Grund dafür, dass wir auf den Schiffen motiviert bleiben. Zeigt den Seehofers und Salvinis den Spiegel für ihre menschenverachtende Politik!“, riefen Seenotrettungsaktivisten per Audio Marburger Demonstranten auf.

300 Menschen, die gegen die Kriminalisierung der Seenotrettung, die „Abschottungspolitik Europas“, und für eine humanere Asylpolitik, Solidarität mit Geflüchteten und Seenotrettungsorganisationen, sichere Häfen und Fluchtwege und würdige Unterbringung der Menschen auf die Straße gingen.

Mehr als 300 hatten sich laut Polizei am Hauptbahnhof gesammelt und zogen durch die Stadt. Immer mehr Menschen stießen während der Demonstration dazu. „Die Leute hatten das Gefühl, dass etwas um 180 Grad verkehrt läuft“, sagt die 33-jährige Julia Flechtner, bevor sie in die Rufe mit einstimmt: „Um Europa keine Mauer, Bleiberecht für alle und auf Dauer!“

Kritik des Oberbürgermeisters

Das Bündnis „Seebrücke“ initiierte in dieser Woche eine Protestwelle in ganz Europa. Auf Einladung des Marburger Ablegers sprach unter anderem der Hochschullehrer Dr. Johannes Becker. Es sei „eine Schmierenkomödie zwischen Angela Merkel und der CSU“: „Ich schäme mich für dieses Land! Ich finde diese Politik absolut verabscheuenswert!“

Becker bezog sich auch auf den Brief, den Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier an die Marburger Initiative „200 nach Marburg“ geschrieben hatte. Darin lehnt der Ministerpräsident Initiativen des Landes ab, 200 Menschen aus Flüchtlingslagern in Griechenland in Marburg unterzubringen.
Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD), der zum ersten Mal an einer Demonstration der „Seebrücke“ teilnahm, hatte auf Beschluss des Stadtparlaments wie die Stadtoberhäupter mehrerer anderer Städte einen Brief unterzeichnet, die der Regierung mitteilten: Wir nehmen Menschen in Not auf.

Spies kritisierte am Tag nach der Demonstration auf Anfrage der OP die Absage Bouffiers: „Wir wollen helfen“, sagte er. Deshalb habe er sich beim Hessischen Ministerpräsidenten und dem Außenminister dafür eingesetzt, Menschen, die auf der Flucht in Griechenland und Italien festsitzen, in Marburg aufzunehmen.

„Das ist, wie beide mitteilen, über das in diesem Jahr ausgelaufene EU-Programm Relocation nicht mehr möglich.“ Leider scheine die Landesregierung auch nicht bereit zu sein, hier über ein neues Landesaufnahmeprogramm zu sprechen. „Das bedauern wir“, sagte Spies,. Anna Bubert, die für das Bündnis „Seebrücke“ spricht, beginnt mit den Worten: „Menschen ertrinken lassen und Machtkämpfe auszutragen ist unerträglich!“

Fast alle Schiffe der privaten Rettungsorganisationen säßen in Häfen fest. Allein in den Monaten Juni und Juli seien 851 Menschen im Mittelmeer ertrunken, 1.500 im bisherigen Jahr. „Dass es überhaupt soweit kommen musste, dass es private Nicht-Regierungsorganisationen gibt, die im Mittelmeer Leben retten.

Haushohe Mauern in den Köpfen der Menschen

Und jetzt auch noch kriminalisiert werden.“ Dagegen setze sich die „Seebrücke“ ein. Ulrich Biskamp, Pastor der Lutherischen Pfarrkirche, spricht von „haushohen Mauern in den Köpfen, gegen Menschen anderer Herkunft, anderer Kultur, anderen Glaubens“. Damit Menschen nicht sehen müssten, was sie gemacht hätten, etwa durch Waffenexporte; weil Menschen ihren Wohlstand nicht verlieren wollten; und: „Weil Menschen ausblenden, dass wir alle eine Welt sind.

Die anderen brauchen uns, aber wir brauchen auch die anderen. Weil sie unserem Leben einen Sinn geben.“ Der Marburger Ableger der „Seebrücke“ hatte sich Ende Juni als spontane Reaktion darauf gegründet, dass dem Seenotrettungsschiff „Lifeline“ das Anlegen in Häfen in Italien und zunächst auch in Malta verwehrt wurde.

Neben den bereits drei Demonstrationen machte die Bewegung auch durch Infostände und Filmvorführungen auf sich aufmerksam. Sie kündigt den Besuch der Demonstration am Sonntag in Kassel an, Treffpunkt sei um 13 Uhr am Hauptbahnhof. Auch auf dem Weidenhäuser Höfefest am Samstag ist das Bündnis vertreten und bietet durch Boote eine Brücke vom Ufercafé Gischler zum Café Roter Stern an.
von Beatrix Achinger
 und Till Conrad