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Marburg 18 Löcher, 18 Kilo und 300 Bar
Marburg 18 Löcher, 18 Kilo und 300 Bar
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00:19 16.09.2018
Eine außergewöhnliche Atemschutzübung führte die Feuerwehrleute in voller Montur auf den Minigolfplatz. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Schwitzend und schnaubend wandern 14 kräftige Feuerwehrmänner in voller Einsatzkluft über Wiesenstücke, kämpfen sich über Asphaltbahnen und flache Wasserläufe. Die kleinen Minigolfschläger verschwinden fast in den dicken Handschuhen. Mit einem leisen „Klack“ trifft ein schlanker Metallschläger auf einen roten Golfball. Der rollt geschwind über die Bahn und vorbei am Loch in der Mitte. „Das gibt es doch einfach nicht“, klingt es protestierend und gedämpft unter dem Einsatzhelm von Nico Kästner. Daneben. Kein Wunder, die Bewegung ist eingeschränkt, die Sicht behindert, die Bahn voller Hürden.

Ein dumpfes Schnaufen dringt allerorts unablässig aus eng ­anliegenden Atemmasken. Unwillkürlich erinnert der Laut an Darth Vader – jeder Atemzug ist weithin hörbar. Doch statt schwarzer Metallmaske aus der Zukunftsvision des Star Wars Universums tragen die Männer schwarze Atemschutzmasken vor den Gesichtern, samt schwerer Metalltanks auf dem Rücken. In voller Montur wandert die Truppe über den ­Minigolfplatz neben dem AquaMar. Brennt es dort? Ist ein Unglück geschehen? Neugierige Jogger und Radler bleiben angesichts der skurrilen Szenerie verblüfft stehen.

Keine Katastrophe hat die Brandschützer an den Trojedamm geführt, es sind die Atemschutzgeräteträger der Freiwilligen Feuerwehren aus Moischt und Bauerbach, die auf dem ­Minigolfplatz zwischen B 3 und Campingplatz ein aufsehenerregendes Bild abgeben: Sie widmen sich an diesem Abend einer eher sommerlichen Freizeitbeschäftigung, dem Minigolf. Dies allerdings weniger aus Spaß – auch wenn der bei Weitem nicht zu kurz kommt – sondern vor allem zu Ausbildungszwecken.

„Jeder Atemschutzgeräteträger muss regelmäßige Tests durchlaufen und einmal im Jahr eine Belastungsübung“, erklärt Marc Prause, Sprecher der ehrenamtlichen Kräfte der Feuerwehr Marburg. Was üblicherweise über einen Brandeinsatz geregelt wird, reichte den beiden Wehren dieses Mal nicht. „Wir wollten mal etwas anderes machen, bei dem eine gewisse Filigranarbeit gefordert ist“, erklärt der Wehrführer aus Moischt mit einem Schmunzeln. Koordinierte Bewegungen mit den leichten Minigolfschlägern sind in Vollmontur wirklich eine Herausforderung.

Die Feuerwehr Moischt und Bauerbach trainierten unter Atemschutz auf dem Minigolfplatz.

Die Truppe trägt mehr als nur ein Handicap, ein locker-leichter Schwung ist damit kaum möglich. 18 Kilogramm wiegt die Ausrüstung. Loch um Loch golfen sich die Kräfte vorwärts, aus anfangs ungelenken Schlägen wird ein verbissener Kampf, jeder will Erster sein. Aus der dunkelblauen Menge hervor stechen zwei Gestalten in unförmigen grauen Chemikalienschutzanzügen, zwei Wesen aus einer anderen Welt.

Der Plastikschutz vor dem Gesicht ist zwar durchsichtig, die Sicht dennoch verzerrt. Egal. Mit Schwung knallt Hans-Christian Kowalewski aus Bauerbach den Golfball über das Wasserhindernis. In hohem Bogen fliegt der als roter Punkt durch die Luft und in ein Gebüsch.

„Ein Ball wird vermisst, gibt es da ein Formular für?“, fragt der Spieler mit einem Grinsen ins Funkgerät. Die „alarmierten“ Kollegen eilen zur Rettung und durchkämmen die Umgebung. „Ball wieder aufgetaucht“, heißt es kurz darauf. Es kann weitergehen. Jetzt klappt es aber, „langsam bekommt man ein Gefühl dafür“, findet Kowalewski. Plötzlich gellt ein schrilles Pfeifgeräusch über den Platz: Nur noch 50 Bar im Tank.

Nach 20 Minuten „fix und fertig“

„Es ist eine Warnung, jetzt bleibt nicht mehr viel Zeit – in einem brennenden Haus, bei einer Personensuche muss man die Atemluft für den Hin- und den Rückweg einkalkulieren“, erklärt Lars Witter aus Bauerbach. Die Truppe tritt auch gegen die Zeit an. 18 Runden lang muss die Atemluft ausreichen. In den Pressluftflaschen tragen die Kräfte sechs Liter Atemluft, komprimiert mit 300 Bar, also 1800 Liter. Im Einsatzfall reicht der Vorrat unter hoher Belastung für etwa 20 Minuten, „danach ist man auch fix und fertig“, sagt Prause.

Der Alarm schrillt nervtötend weiter, nur noch ein Loch. Nur noch 20 Bar. Und dann wird doch noch eingelocht, die letzte Bahn ist geschafft, das Spiel vorbei. Schulterklopfen, Aufatmen. Durchgeschwitzt und mit zufriedenem Seufzen schälen sich die Spieler aus der schweren Ausrüstung.
„Das war anstrengend und mal eine angenehme ­Abwechslung“, resümiert Volker Havemann erleichtert. Die ausgefallene Übung war ein voller Erfolg.

von Ina Tannert