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Marburg Büffeln oder baden gehen?
Marburg Büffeln oder baden gehen?
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00:17 25.06.2018
Schulbücher wälzen: Für viele Schüler gehört das in den Ferien dazu. Quelle: Frank Leonhardt
Marburg

"Ja, Sommerferien waren glücklicherweise lang. Und sie waren die beste Erfindung, die jemals gemacht worden war!“ Das findet Astrid Lindgrens Meisterdetektiv Kalle Blomquist. Allerdings ist das Buch fast 70 Jahre alt. Und Kalles Sommer waren gespickt mit Abenteuern und nicht mit Nachhilfestunden. Vielleicht hätten die seine Ansicht geändert.

In Marburg haben sich in diesem Sommer allein rund 120 Schüler für Ferienkurse der Schülerhilfe angemeldet. Nur für die wenigsten steht die Versetzung auf dem Spiel. „Nur bei fünf bis zehn stehen am Ende der Ferien Nachprüfungen an; die meisten kommen einfach so, um Wissenslücken zu schließen oder sich aufs neue Schuljahr vorzubereiten”, sagt Manfred Grölz, Leiter des Nachhilfe­instituts.

Mathe ist das 
 Nachhilfefach Nummer 1

Bundesweit gehen laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung über eine Million Schüler regelmäßig zur Nachhilfe. Unter Gymnasiasten macht das sogar jeder fünfte. Der Markt ist groß. Einserschüler, Studenten und pensionierte Lehrer teilen ihn sich mit professionellen Anbietern. Die beiden Big Player sind die Schülerhilfe und der Studienkreis.

Die beiden Nachhilfeinstitute haben längst auch die Ferien für sich entdeckt. Mit Schnäppchenpreisen und Versprechen wie „Die Ferien clever nutzen und das Lernverhalten optimieren” werben sie momentan wieder für Kurse während der unterrichtsfreien Sommerwochen.
Tage füllende Angebote sind das nicht.

Fünf mal 90 Minuten – so lange dauert ein einwöchiger Sommerferienkurs bei Grölz in Marburg. „Das heißt, die Schüler sind meist morgens eineinhalb Stunden hier und können den Rest des Tages mit Freunden baden gehen”, sagt der gelernte Gymnasiallehrer.

Kurse bietet Grölz nur während der letzten vier Ferienwochen an. Die meisten Schüler kämen ein, zwei Wochen, darunter viele, die auch während der Schulzeit regelmäßig in der Nachhilfeschule aufschlagen.

Gelernt wird in Gruppen von zwei bis fünf Schülern. Vom Erstklässler bis zum angehenden Abiturienten ist bei Grölz alles dabei. Gepaukt wird vor allem Mathe. „Das ist das absolute Nachhilfefach Nummer 1”, sagt Grölz. Abgeschlagen folgten Deutsch und Englisch.

Von einem Nachhilfeboom will Grölz nicht sprechen. Seiner Erfahrung nach – und das sind immerhin 20 Jahre – sei der Bedarf an Nachhilfe relativ konstant, der alljährliche Ansturm nach den Halbjahreszeugnissen im Frühjahr Routine. Das Schulsystem sei nicht perfekt, sagt er. Der ein oder andere falle immer durchs Raster.

Schulleiter: Die Angebote bräuchte es nicht

„Und ich glaube, das war schon immer so”, sagt Grölz. Geändert habe sich aber die Einstellung der Schüler. Früher hätten sie eher verheimlicht, dass sie Nachhilfe nehmen. Heute brächten sie ihre Freunde einfach mit.

Uwe Schulz, Schulleiter der Gesamtschule Niederwalgern, hält nicht viel von Nachhilfeunterricht. „Grundsätzlich finde ich, diese Zusatzangebote bräuchte es nicht geben, insbesondere nicht für Grundschüler”, sagt der Pädagoge. Natürlich lernten Schüler unterschiedlich schnell.

Aber für Frühstarter wie Spätzünder gebe es im Schulsystem genügend Raum, ist Schulz überzeugt. Dass Nachhilfeangebote von so vielen Schülern genutzt werden, ist für ihn kein Indiz für Mängel am Schulsystem. Er liest daran eher die wachsende Motivation einiger Eltern ab, ihren Kindern zum bestmöglichen Schulabschluss verhelfen zu wollen.

Laut einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Forsa wollen immerhin 53 Prozent der Eltern, dass ihre Kinder auch in den Sommerferien etwas für ihre Bildung tun, also dass sie Bücher lesen, ein Museum besuchen oder Schulstoff wiederholen.

Schulz hat gegen lernen in den Ferien nichts einzuwenden. „Wer eine Nachprüfung zu absolvieren hat, wird ums Lernen in den Ferien auch gar nicht herum kommen”, sagt er. Daneben soll es ja auch Schüler geben, die Lust darauf haben, in den Ferien eine Fremdsprache, programmieren oder etwas ganz anderes zu lernen.

„Wer Lust aufs Lernen hat, soll es machen“, sagt Schulz. Kritisch sieht er es jedoch, wenn Kinder in den Ferien zum Lernen von Schulstoff verpflichtet werden. „Die Ferien gehören den Schülern zum Erholen”, mahnt der Schulleiter. Da sollten sie machen dürfen, woran sie Spaß haben. Und die Zahl der Kinder, die Spaß an Mathe haben, sei seiner Erfahrung nach eher überschaubar.

von Friederike Heitz