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Ein cholerischer Weltveränderer

Lesung: Feridun Zaimoglu Ein cholerischer Weltveränderer

Feridun Zaimoglu, Autor der Bestseller „Leyla“ und „Liebesbrand“, beschäftigt sich in seinem neuen Werk „Evangelio“ mit Martin Luther. Im Marburger Rathaus stellte er den Roman vor.

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Gestenreich untermalte der Schriftsteller Feridun Zaimoglu seine Lesung aus seinem Roman „Evangelio“.

Quelle: Nigar Ghasimi

Marburg. „Evangelio“ ist ein Buch, dessen Vorarbeit im Prinzip rund 40 Jahre andauerte. So lange beschäftigt sich Zaimoglu bereits mit dem Christentum. Schon mit zwölf Jahren las der bekennende Muslim die Luther-Bibel. Angezogen von Luthers Sprachkunst, habe er seit langem den Wunsch mit sich getragen, ein Werk über die „deutsche Geistesgröße“ zu schreiben, wie Zaimoglu Luther nennt.

Dabei beleuchtet der im anatolischen Bolu geborene Zaimoglu Luther von verschiedensten Seiten. Nicht nur als mit Gott verbundene Lichtgestalt tritt dieser im Roman in Erscheinung, sondern auch seine cholerische Natur kommt zum Zuge. Zaimoglu bewundert Luther, stellt ihn aber auch als einen Menschen dar, der sich mit den Sorgen und Nöten der Zeit ebenso konfrontiert sah, wie seine Zeitgenossen. Dies äußert sich unter anderem darin, dass ihn seine abergläubische Besessenheit, vom Teufel und Dämonen heimgesucht zu werden, ebenso verfolgten, wie seine Auseinandersetzung 
mit der Sexualität.

Von Mai 1521 bis März 1522 hält sich der für vogelfrei und damit gesetzlos erklärte Luther auf der Wartburg auf, nachdem er von Sachsens Kurfürst in Gewahrsam genommen wurde. Er schafft es, in nur zehn Wochen das Neue Testament ins Deutsche zu übersetzen. Zaimoglu hat ihm die Figur des gottesfürchtigen katholischen Landsknechts Burkhard als Wächter zur Seite gestellt. Burkhard führt seine Aufgabe äußerst widerwillig aus. Er, der streng religiöse Katholik, soll einen Ketzer beschützen. Um keine Auseinandersetzung mit Luther verlegen und ihm auch sprachlich gewachsen, ist es Burkhard, der dem Leser den Weg durch die ­Geschichte weist.

Roman mit mittelalterlich anmutender Sprache

Mit tiefer, sanfter Stimme führt Zaimoglu die Zuhörer in sein Werk ein. Mit fabelhafter Artikulation und der spürbaren Liebe zum Wort trägt Zaimoglu „Evangelio“ vor. Seine mit Silberschmuck bestückten Hände gestikulieren beim Sprechen behutsam aber bestimmt. Jedes Wort wird mit Handbewegungen unterstrichen. Im Roman bedient er sich bisweilen einer mittelalterlich anmutenden Sprache. Dies habe er getan, um vor allem Luther näherzukommen, ihn zu verstehen.

Zaimoglu liest von Luthers inneren Gesprächen, seiner Widerstandsfähigkeit und auch seinem Zorn. Luther, der sich oft in Rage redet, entscheidet sich zwar stets gegen die physische Gewalt und für den Glauben als Waffe, jedoch lässt er seiner Cholerik gerne Raum.

Im Anschluss an die Lesung gab es die Gelegenheit für einen Austausch mit dem Publikum. Bezüglich seiner Beweggründe, dieses Buch „trotz“ seiner muslimischen Herkunft und religiösen Haltung zu verfassen, führte Zaimoglu an, seine Identität interessiere ihn bei der Wahl seiner Figuren keineswegs, seine Begeisterung liege in der Verwandlung. Er betreibe sogar ein dem Schauspiel entlehntes Vorgehen, das Method-Writing. Dazu dringt er auch in seinem reellen Leben in seine Figuren ein. Er müsse seine­ Figuren „körperlich verstehen“, nur so finde er die richtigen Wörter. So nehme er beispielsweise an Gewicht ab oder zu, wenn es die „Rolle“ erfordere. Bei „Evangelio“ habe er sich Luther neben der Sprache, besonders über die Frömmigkeit genähert, für die er sein Herz weiter geöffnet habe.

von Nigar Ghasimi

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