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Marburg „Faust spielen“ einmal ganz anders
Marburg „Faust spielen“ einmal ganz anders
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18:28 26.11.2014
Der alte Faust beugt sich über die schöne Helena. Die liegt als Aphrodite in einem alten Blechnapf. Quelle: Voß
Marburg

Normalerweise sind die beiden Tragödien eine sehr zeit- und personalaufwändige Angelegenheit. Am Hessischen Landestheater präsentierte das international renommierte Figurentheater Wilde & Vogel eine ebenso düstere wie schrille Bühnenversion beider Teile in quicklebendigen 65 Minuten:  Um die kleine Spielfläche liegen scheinbar wahllos verstreut die verschiedensten Requisiten. Puppen, Tücher, Schals, ein Puppenbühnenvorhang, jede Menge Instrumente. Doch nichts ist wahllos in dieser auf den ersten Blick chaotisch wirkenden, aber ungemein präzise austarierten Inszenierung von Christiane Zanger.

Christoph Bochkdansky und Michael Vogel bedienen die unterschiedlichsten Puppen und verwandeln sich mit wenigen Requisiten in Mephistopheles, Geister oder gar Gretchen. „Faust spielen“ lebt von den starken Bildern, Goethes Text tritt bis auf wenige zentrale Zitate in den Hintergrund. Dennoch werden nahezu alle wichtigen Szenen zumindest angespielt:  Der Vertrag zwischen Faust und Mephistopheles, Gretchens Verführung und Ende, die schöne Helena, die Erschaffung des Homunculus und der wüste Reigen der Walpurgisnacht. Begleitet wird das intensive, oft witzige Spiel von Charlotte Wilde mit einer eindrucksvollen live eingespielten Soundcollage.

Auf die vielen Schüler, die sich die drei Aufführungen angesehen haben, warten jetzt wieder die Reclam-Hefte. Doch wer weiß: Vielleicht bleiben Fausts Tragödie, Gretchens Elend und der Verführer Mephisto hängen. Mehr ist in 65 wüsten Minuten  nicht zu schaffen.

von Uwe Badouin