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Marburg FDP sieht Prestigeprojekt Tram am Ende
Marburg FDP sieht Prestigeprojekt Tram am Ende
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22:01 07.03.2018
36,5 Millionen Euro reine Baukosten, alleine von der Kommune zu zahlen – so das Wirtschaftlichkeitsgutachten zu einer Straßenbahnstrecke zwischen Südbahnhof und Lahnberge. Quelle: Fotomontage: OP
Marburg

Die FDP fordert das sofortige Ende aller Straßenbahn-Pläne. „Dieses Prestige­projekt ist gestorben“, sagt ­Hanke Bokelmann, Stadtverordneter. „Jeder weitere Euro wäre zum Fenster rausgeschmissenes Geld“, sagt er mit Verweis auf die Kosten von 17.000 Euro für die Machbarkeitsstudie und weiteren, wie die Stadt auf OP-Anfrage sagt 30.000 Euro für die zuletzt veröffentlichte ­Wirtschaftlichkeitsanalyse.

Das Verhalten von OB Dr. Thomas Spies (SPD), der ein neues Gutachten beauftragen will, da das aktuelle in einigen Grundannahmen fehlerhaft sei, erinnere an Pippi Langstrumpf: „Er macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt. Wir sind gespannt, wie viele Gutachten er noch braucht, bis ihm das Ergebnis passt“, sagt Bokelmann. „Statt über eine teure und unnütze Bahn nachzudenken, sollte die ZIMT-Regierung sich Gedanken über eine Wohnbebauung auf den Lahnbergen machen“, sagt Lisa Freitag (FDP).

Die Grünen sehen die Straßenbahnpläne ebenfalls als erledigt an. „Nach dem Aus für die Tram gilt es nun, andere große Beförderungsmöglichkeiten­ zu suchen“, heißt es von der Partei. Dazu solle es einen Ideenwettbewerb geben, so dass überregional tätige, ambitionierte Planungsbüros innovative Lösungsvorschläge für das Marburger Mobilitätsproblem entwickeln“, schlägt Hans-Werner Seitz, Stadtverordneter, vor. Wenn man vor Ort „mit dem Latein am Ende ist, müssen andere ran.“

Göttling: "Es darf nicht sein, was faktisch ist"

Ziel müsse es sein, mit modernen Beförderungstechnologien große Personenzahlen wirtschaftlich und umweltverträglich von der Innenstadt auf die Lahnberge zu befördern – ein Plädoyer für eine Seilbahn? Eine neue Straßenbahn-Studie lehnen die Grünen jedenfalls ab. „Wenn OB und Stadtwerke meinen, dass weitere Gutachten vielleicht ein besseres Ergebnis haben könnten, bedeutet dies, es darf nicht sein, was faktisch ist.
Das ist nichts anderes als das Eingeständnis des Scheiterns,“ sagt Dietmar Göttling, Grünen-Fraktionschef.

Die Kosten-Nutzen-Analyse, laut der die ÖPNV-Fahrgastzahlen nur minimal steigen und von Marburg alleine zu tragenden Baukosten von 40 Millionen Euro zu erwarten sind, sei „ein Beleg mehr dafür, dass es in Marburg am politischen Willen fehlt, einen attraktiven Öffentlichen Personennahverkehr zu schaffen“ sagt Jan Schalauske, Linken-Fraktionschef.

Untersuchungs-Auftrag „nur zum Teil erfüllt“

Man könne sich „des Eindrucks nicht erwehren, dass die Ergebnisse so gewollt sind“, sagt Schalauske. Denn der Auftrag zur Tram-Studie, welcher dem Magistrat 2016 vom Parlament erteilt wurde, sei „nur zum Teil erfüllt worden“. Die Analyse hätte nämlich, so steht es im Parlaments-Beschluss, auch prüfen sollen, „wie und mit welchen Wirkungen eine erweiterte Anbindung der Strecke Südbahnhof – Uniklinikum Richtung Innenstadt und Hauptbahnhof erfolgen kann, insbesondere unter Einbindung der Gleise der DB.“

Ein neues Gutachten erstellen zu lassen irritiert daher auch Schalauske: „Hätte der OB seine Hausaufgaben ordentlich gemacht und den Auftrag, wie vom Parlament beschlossen, vergeben, müsste jetzt nicht in Sachen Innenstadtanbindung nachgebessert werden“, sagt er. Die Zahl der zusätzlichen ÖPNV-Nutzer hänge indes vor allem von dessen Qualität ab, sie sei „nur dann attraktiver, wenn sie die Innenstadt anbinde und so Zeitverluste durch Umsteigen vermieden werden“.

OB schägt Streckenerweiterung bis zum Wilhelmsplatz vor

Außerdem brauche die Tram ein eigenes Gleisbett, weil vor allem höhere Geschwindigkeiten sie attraktiver mache. Deshalb fordert die Linke auch im Zuge eines etwaigen neuen Gutachtens „neue Überlegungen, das auch in der Großseelheimer Straße zu ermöglichen“.

Während der OB im Nachgang des Gutachtens eine Streckenerweiterung zum Wilhelmsplatz vorschlägt, um in einer neuen Wirtschaftlichkeitsstudie den ermittelten Nutzen-Faktor einer Tram zu erhöhen, setzt die Stadtwerke-Geschäftsführung ihre Hoffnungen vorerst in eine moderne Technologie für Oberleitungs-Busse. Eine entsprechende Analyse zur Umsetzbarkeit in der Universitätsstadt soll im Sommer vorliegen.

von Björn Wisker