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Marburg Christian Ehring brillierte im KFZ
Marburg Christian Ehring brillierte im KFZ
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00:18 30.11.2018
Der „extra 3“-Moderator Christian Ehring hat noch genug Energie, seine Doppel-CD persönlich ­unter die Leute zu bringen. Der Erlös geht an „Ärzte ohne Grenzen“. Quelle: Sabine Jackl
Marburg

„Egozentrisch? Ich?“ Christian Ehring ist kurz vor der Schnappatmung, als ihm ausgerechnet sein 18-jähriger Filius auf den Zahn fühlt. Denn der liegt normalerweise als Teil des Familienlebens, das sich als ­roter Faden durchs Programm zieht, auf dem Sofa und pflegt sein Phlegma. Doch zum Ende der fast dreistündigen Performance kommt Ehrings junger „Monsieur“ in die Puschen und hinterfragt die Pointen seines Erzeugers. Seine „Hallo, wann bist du eigentlich mal ehrlich?“-Keule sitzt. Der 46-Jährige bekennt: „Ich mache Witze, um die Realität auszuhalten.“

Das Marburger Publikum, dem Christian Ehring mit feinen Antennen „Amüsierwillen, aber nicht um jeden Preis“ attestiert, ist längst vor erheiternder (Selbst)Erkenntnisfülle in die Knie gegangen. Voller Genuss folgen die knapp 400 Besucher der plastischen, weil vertrauten Vorstellung, wie es im schicken Heim mit Gattin und „Monsieur“ so zugeht. Hier im Cappuccino-Gürtel, wo vor lauter Glück nicht nur der Sharan in der Garage von Depressionen geplagt wird und Yogalehrer mehr ist als ein Nebenberuf, „wählt wenigstens keiner AfD“. In solch liberaler Komfortzone lässt es sich schön einrichten, gutes Gewissen durch Einkaufen im Biomarkt inklusive.

Projekt Traumflüchtling

Der satirische Menschenkenner verrät väterliche Mühen: „Monsieur“ soll nach der überstandenen „dunklen Zeit“ der Pubertät sein Freiwilliges Soziales Jahr machen. Natürlich nicht irgendwo, sondern in einem „Top-Slum“. Schließlich sei „Lage, Lage, Lage“ auch da entscheidend. Sohnemann macht Handyfotos im Elendsviertel – und die Eltern hätten sturmfreie Bude. Hätten. Denn Frau Ehring kommt auf „die tolle Idee“, einen Flüchtling in der bald freien Einliegerwohnung aufzunehmen. Ist doch eigentlich „waaahnsinnig 2015“, wagt der Gatte das Projekt Traumflüchtling anzuzweifeln, zumal ihm, dem Komponisten veganer Kinderlieder („Schrot, du hast das Korn gestohlen“), auch der Traum vom heimischen Tonstudio platzen würde. Er geht dann doch mit ins Willkommenscafé, „denn sonst kann es sein, dass die Allerbesten schon weg sind“.

Bevor er sich über seine Erfahrungen mit „David aus Eritrea“ so richtig in Rage reden will, weil der wahrhaftig gar nicht mit den Ehrings und ihren guten Absichten wohnen will, macht er analytische Ausflüge ins politische Geschehen, auch mithilfe der Heimatzeitung. „Nordkreis, Südkreis...“, blättert er verdutzt, „aber wo ist denn hier die Welt?“ Mit „Müntefering in Neustadt“ fühlt er sich in die SPD ein, „die sich für die höhere Sache ­geopfert hat“.

"Bullshit-Lieferant" Trump

Derart inspiriert, plantscht Ehring munter weiter im Politikbecken, wo er Friedrich Merz in Gefahr sieht: „Der stürzt sich doch ins Schwert, wenn er AKK unterliegt!“ In Seehofer erkennt er „den Vater jeder Migräne“ und warnt vor der Beschäftigung mit dem „zuverlässigen Bullshit-Lieferanten“ Trump, denn „dabei sterben ­Gehirnzellen ab“.

Weiter gehts mit Geschlechterkampf, Landlust und -frust, Schulpolitik – das klassische Repertoire will auch von einem Christian Ehring bedient sein. Allerdings: Wie es der vielfach ausgezeichnete Wortkünstler auf die Bühne bringt, selbstironisch statt selbstgefällig, den Puls am Publikum und immer mal am Klavier, das hebt ihn ab, das ist brillant und bewegend.

Er drückt es so aus: „Diese wohl einzigen Stunden, die wir heute miteinander verbringen, sollten Quality Time sein.“ Diesen Anspruch hat Christian Ehring jede einzelne Minute erfüllt, der Abend ist ein Erlebnis der extra-Klasse. Noch Fragen? Der nicht enden wollende Applaus nach seiner hoffnungsvollen Schlussballade auf eine doch noch bessere Welt ist die perfekte Antwort – ganz ohne Worte.

von Sabine Jackl