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Marburg Es gibt zu wenig Impfstoff im Landkreis
Marburg Es gibt zu wenig Impfstoff im Landkreis
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00:17 29.01.2019
Aachen im Jahr 2006: Eine von der Blauzungen-Krankheit betroffene Kuh steht im Stall eines Bauernhofes. Quelle: Ralf Roeger
Marburg

Noch ist Kreislandwirt Frank Staubitz ruhig. Die Blauzungenkrankheit ist näher an den Landkreis Marburg-Biedenkopf herangerückt. Infizierte Tiere sind bislang aber nicht gemeldet. Trotzdem haben Staubitz und andere Landwirte nun einige Probleme vor der Brust. Zum Beispiel wegen der Impfung, denn zurzeit sei im Landkreis praktisch kein Impfstoff vorhanden, sagt Staubitz.

Im Augenblick sind die Halter von Schafen, Rindern und Ziegen nicht verpflichtet, ihre Tiere impfen zu lassen. Nachdem die Krankheit 2006 in Deutschland ausgebrochen war, hatten die Behörden zwischen 2008 und 2010 die Impfung zur Pflicht gemacht. Seit 2012 galt Deutschland als blauzungenfrei.

Norbert Fett ist Geschäftsführer des Kreisschäfervereins Marburg-Kirchhain-Biedenkopf. Er rät vor allem den Schafhaltern dringend, ihre Tiere jetzt gegen die Krankheit immunisieren zu lassen. Denn bei Schafen sei das Risiko, dass ein Tier an dem Erreger verendet, wesentlich höher als beispielsweise bei Rindern.

Die meisten Schafe in ganz Hessen

Der Landkreis Marburg-Biedenkopf sei der „schafreichste Landkreis in ganz Hessen“, sagt Kreislandwirt Staubitz. Nach Angaben des Landratsamtes sind derzeit 17.770 Schafe bei 535 Haltern registriert. Manche Halter betreiben die Zucht als Hobby, andere als Broterwerb. Für letztere könne ein Ausbruch der Blauzungenkrankheit in der Herde die berufliche Existenz bedrohen, sagt Norbert Fett.

Wie viele Tiere erkranken, weil sie von einer Mücke aus der Familie der Gnitzen gestochen wurden, sei unvorhersehbar, so Fett. Mal zeigten infizierte Schafe überhaupt keine Symptome, mal heile die Krankheit wieder aus. Im schlimmsten Fall stirbt das Schaf.

Erkrankte Tier leiden in schweren Fällen an hohem Fieber und Entzündungen am Maul, sagt Tierarzt Heiko Sodemann aus Wetter. Wegen der Entzündungen verweigerten sie dann irgendwann das Futter.

Wie viele erkrankte Tiere an der Seuche sterben, ist auch sehr unterschiedlich. Bei Schafen könnten auch mal bis zu 30 Prozent einer Herde verenden, sagt Norbert Fett vom Kreisschäferverein. Zudem zeigten unter Umständen auch Tiere, die nicht infiziert wurden, eine Reaktion auf den Ausbruch der Krankheit. „Sie trauern um gestorbene Artgenossen und fressen nicht mehr.“

Dass es derzeit zu wenig Impfstoff im Landkreis gibt, liege daran, dass die Hersteller schlicht nicht auf den Ausbruch vorbereitet waren, sagt Tierarzt Sodemann. „Wir haben noch Impfstoff, aber nicht genug.“

Aus dem Landratsamt heißt es, dass die Beschaffung des Impfstoffes von den Tierärzten selbst organisiert wird. Die Veterinäre kaufen die Präparate auf eigene Rechnung und lagern sie ein – aber nicht in einem Umfang, der es ermöglichen würde, in kurzem Zeitraum sämtliche Wiederkäuer des Kreises zu immunisieren.

Tierärzte warnten schon im vergangenen Jahr

In der Vergangenheit haben viele Tierhalter wohl nicht auf die Impfempfehlung ihrer Ärzte gehört. Schon im letzten Jahr hätten Tierärzte auf die nahende Seuche hingewiesen und das Spritzen empfohlen, so Heiko Sodemann. Mit der Ausweitung des Sperrgebietes lastet nun mehr Druck auf den Bauern. Er habe auch schon Impfstoff bestellt, sagt Sodemann. „Wir stehen jetzt auf einer Warteliste der Hersteller.“ Frühestens Ende Februar rechnet der Tierarzt mit einer Lieferung.

Geimpft wird jedes Tier zweimal, im Abstand von drei Wochen. Etwa vier Wochen nach der zweiten Spritze seien die Tiere dann immunisiert, sagt Sodemann. Pro Impfung und pro Tier kämen Kosten in Höhe von sechs bis acht Euro auf die Tierhalter zu. Kreislandwirt Frank Staubitz ärgert sich über den Medikamenten-Engpass. „Es ist bedenklich, dass immer erst eine Krise auftreten muss, bevor man wach wird“, sagt er.

Weniger problematisch für die Tierhalter ist eine EU-Vorgabe für Blauzungen-Sperrgebiete. Tiere ohne Impfschutz dürfen demnach nicht aus der Sperrzone abtransportiert werden, ohne dass eine Blutprobe entnommen wurde, um sie auf eine mögliche Infektion hin zu untersuchen.

Weil die Sperrzone aber auch die benachbarten Landkreise umfasst, könnten die meisten Halter ihre Schafe, Ziegen oder Rinder auch weiterhin zur Zucht oder Schlachtung zu den üblichen Abnehmern bringen, sagt Kreislandwirt Staubitz.
Angst vor einer Keulung – dem vorsorglichen Töten von Tieren – müssen die Halter von Wiederkäuern im Landkreis nicht haben. Wie das Landratsamt mitteilt, werde die Tötung und Beseitigung empfänglicher Tiere in einem betroffenen Betrieb nur dann angeordnet, wenn damit die Ausbreitung der Seuche verhindert werden kann. Das sei bisher aber noch nicht vorgekommen.

Warum verbreitet sich die Seuche im Winter?

Bleibt die Frage, warum sich die Seuche im Winter ausbreitet. „Das ist mir schleierhaft“, sagt Norbert Fett. Denn Gnitzen gibt es eigentlich nur in wärmeren Monaten. Dann können sie vom Wind sogar über 200 Kilometer weit getragen werden und so den Virus verbreiten. Der Wetteraner Tierarzt Heiko Sodemann erklärt, dass es noch bis im Dezember des vergangenen Jahres recht warm war und es bis dann auch noch Gnitzen gegeben hat.

von Dominic Heitz