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Marburg Kind wirkte wie narkotisiert
Marburg Kind wirkte wie narkotisiert
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00:18 03.03.2019
Die Angeklagte im Gespräch mit ihrem Anwalt. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Am achten Verhandlungstag hatte die Verteidigung mit einer Überraschung aufgewartet: Der mutmaßliche Freund der Angeklagten Elena W. hat sich im November 2018 mit ihr verlobt. Deshalb darf der 31-Jährige im Prozess die Aussage verweigern und machte von diesem Recht Gebrauch. Seine polizeiliche Aussage darf jedoch verwendet werden. Damit reiht er sich in die Strategie der Verteidigung ein: Elena W., der unter anderem versuchter Mord vorgeworfen wird, schweigt auf Anraten ihrer Anwälte. Auch diese halten sich weitestgehend bedeckt und stellen nur selten Fragen.

Kritik gab es vonseiten der Nebenklage und der Staatsanwaltschaft. Sie hätten gerne früher von dem Umstand erfahren, dass ein mutmaßlich wichtiger Zeuge nicht aussagen muss. Gestern war auch ein ehemaliger Oberarzt der neonatologischen Intensivstation als Zeuge geladen. Seine Vernehmung stand am Anfang der in den nächsten Wochen erfolgenden Aussagen der Ärzte und des Pflegepersonals der Station. Der 50 Jahre alte Kinderarzt, der nicht mehr am Uniklinikum beschäftigt ist, schilderte die Vorkommnisse rund um die drei vergifteten Frühchen aus seiner Sicht. Dabei begann er mit dem letzten Vorfall, bei dem erstmals Unstimmigkeiten bemerkt und überprüft worden waren. Im Februar 2016 habe er einen Anruf erhalten. Ein Kollege habe ihm mitgeteilt, dass sich der Zustand der kleinen Johanna massiv verschlechtert habe. Sie habe wiederbelebt werden müssen. „Er konnte sich das nicht erklären“, sagte der Oberarzt. Als er dann nachmittags wieder selbst vor Ort gewesen sei, habe er Johanna in außergewöhnlicher Verfassung vorgefunden: „Sie war tief schläfrig, quasi komatös.“ Diesen Zustand kenne man eigentlich nur von narkotisierten Menschen – oder von Patienten mit beispielsweise ­einem Schädel-Hirn-Trauma. Eine Kollegin habe dann Proben in das Klinik-Zentrallabor gesendet. Einige Tage später sei Johanna „wie von Geisterhand“ wieder erwacht – auch das habe dem Aufwachen nach einer Narkose geähnelt, sagte der Mediziner.

Zwei Frühchen
 ruderten mit den Armen

Die untersuchten Proben ergaben dann, dass Johanna den Wirkstoff Midazolam sowie Benzodiazepine im Körper hatte. Medikamente, die so nicht ärztlich verschrieben worden waren. Zu diesem Zeitpunkt habe man noch an eine Verwechslung glauben wollen: „Es gab eine Denkbarriere dazu, dass es überhaupt sein könnte, dass das absichtlich getan wurde“, erklärte der Kinderarzt. Nachdem man eine Verwechslung verschiedener Medikamente quasi ausgeschlossen hatte, „blieb fast nichts anderes übrig“.

Der Oberarzt wurde aufgefordert, nach ähnlichen Fällen in der Vergangenheit zu recherchieren. Zunächst sei ihm keiner eingefallen, dann seien ihm jedoch Parallelen zwischen Johannas Fall und dem von Leni, einem der anderen Frühchen, aufgefallen. Während der Vorbereitung eines Vortrags über Rechtsherz-Insuffizienzen war ihm „schlagartig“ der Gedanke gekommen. Auch bei Leni war Midazolam im Blut festgestellt worden. Zudem ähnelte sich das Bewegungsmuster der beiden Frühgeborenen: Beide hatten „rudernde Armbewegungen“ aufgewiesen, die auf Krampfanfälle hingedeutet haben könnten.

Leni war bereits im Dezember 2015 gestorben. Zuvor war es nach einer eigentlich ungefährlichen Passiv-Impfung zu Krampfanfällen und Bradykardien (verlangsamtem Herzschlag) gekommen. Daraufhin hatte Leni mehrfach reanimiert werden müssen. Auch bei einer augenärztlichen Untersuchung kam es zu Krampfanfällen, woraufhin man ihr auch Midazolam verabreichte. Auf Elena W. als potenzielle Tatverdächtige sei man schon wenige Tage nach dem letzten Vorfall gekommen: Es fiel den Ärzten auf, dass Elena W. in der Nacht nach Lenis Impfung Dienst gehabt hatte. Während ihrer Schicht war es zu den massiven Verschlechterungen bei dem Frühchen gekommen. Ihr Name fiel zuerst in einem Telefongespräch zwischen dem Oberarzt und dem Chefarzt der Station. Dieser soll am Donnerstag aussagen.

von Melchior Bonacker