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Erst Klang-Orkan, dann Beifallssturm

Bundesjugendorchester Erst Klang-Orkan, dann Beifallssturm

Die renovierte Stadthalle hat endgültig ihre Feuertaufe bestanden. Denn auf der Bühne findet auch ein Orchester mit fast 
100 Musikern Platz. ­Zudem hat die Akustik ­gegenüber dem alten Saal an Qualität gewonnen.

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Das Bundesjugendorchester musizierte in der Stadthalle – mit dabei der Marburger Kontrabassist Jona Rehlich (links).

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Schon sehr lange nicht durften sich die Verantwortlichen des Marburger Konzertvereins über so viele Besucher freuen wie am Donnerstagabend: 800 Zuhörer kamen ins Erwin-Piscator-Haus – darunter sehr viele Marburger Schüler.

Einer von ihnen, der 17-jährige Jona Rehlich vom Gymnasium Philippinum, gehört zur achtköpfigen Kontrabass-Gruppe des Bundesjugendorchesters ( die OP berichtete). Das 1969 gegründete Orchester war bisher erst einmal in Marburg zu Gast – vor 35 Jahren. Zu ihm zählen die besten Instrumentalisten des Landes im Alter von 14 bis 19 Jahren. Wichtige Impulse erhalten diese seit 2013 von den Berliner Philharmonikern, die dort auch ihren Nachwuchs formen.

Wohl deshalb ist der Berliner Bär das Maskottchen von Deutschlands jüngstem Spitzenorchester und durfte zu Füßen des Dirigenten Alexander Shelley Platz nehmen. Das Programm, mit dem das Bundesjugendorchester aus Anlass des Luther-Jahres auf Tournee ist, heißt „Gipfeltreffen – Reformation“. Gipfeltreffen – das meint das Zusammenspiel von Bundesjugendorchester und Bundesjugendballett, das die Musik choreographisch bebildert.

In Marburg musste darauf, anders als am Vortag in der Dresdener Semperoper, aus Platzgründen verzichtet werden. Denn die annähernd 100 Musiker füllten die Bühne der Stadthalle ohnehin schon völlig aus. Dennoch begann der Abend szenisch: Aus dem Saalhintergrund ertönte, gespielt auf einer Holzflöte ( Foto: Hoffsteter), ein bekannter Luther-Choral.

Und kurz danach deklamierte einer der zehn Cellisten „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“. Die tröstliche Antwort darauf bildete Luthers „Ein feste Burg ist unser Gott“ in der Vertonung durch Felix Mendelssohn Bartholdy.

Shelley, der sich in seiner Zeichengebung aufgrund intensivster Probenarbeit auf das ­Allernotwendigste beschränken konnte, führte die jungen Musikerinnen und Musiker zu einer so klangschönen wie kontraststarken Wiedergabe der sogenannten Reformations-Sinfonie. Angesichts von 60 Streichern brauchten sich auch die brillanten Bläser nicht zurückhalten – etwa im bekenntnishaft-pathetischen Choralfinale.

In Johann Sebastian Bachs D-Dur-Ouvertüre Nr. 3 ließ Shelley, wie es bei Originalklang-­Ensembles üblich ist, die Geiger und Bratscher im Stehen musizieren. Das Bundesjugendorchester bewies auch in kleiner Besetzung, dass es den Vergleich mit renommierten Profi-Ensembles nicht zu scheuen braucht – etwa im Nummer-eins-Hit der Barockmusik, dem eindringlich gesungenen „Air“, aber auch in den von Trompetenglanz überstrahlten Tanzsätzen, in denen Shelley ein außerordentlich flottes Tempo vorlegen ließ.

Ganz in seinem Element war das Bundesjugendorchester auch in zwei zeitgenössischen Kompositionen, die Bachs Ouvertüre umgaben. Sowohl Michael van der Aa in seinem am 17. Januar in der Hamburgischen Staatsoper uraufgeführten „Reversal“, als auch Enjott Schneider in seinem Symphonischen Gedicht „Ein feste Burg“ von 2010 nehmen in ihren, von reichem Schlagwerk beherrschten Werken Bezug auf die Gegenwart.

Auf Glaubenskrieg 
folgt ein pastoraler Epilog

Der 1970 geborene Niederländer van der Aa setzt den von Luther initiierten „Richtungswechsel“, auch den „jüngsten Wechsel (zum Schlechtesten...), ausgelöst von Brexit und Trump“, dabei in eher abstrakte Klangbilder um, bei denen die dazu­gehörende Choreographie dem nur hörenden Publikum am meisten fehlte.

Enjott Schneider, der mit allen Wassern gewaschene Komponist für Film und Fernsehen (unter anderem „Stalingrad“, „Schlafes Bruder“ und „Marienhof“) hingegen wird ganz konkret, wenn er den Luther-Choral in einen vom Schlagwerk umtosten Glaubenskrieg schickt, um abschließend im pastoralen Epilog, der mit Vogelstimmen aufwartet, zu zeigen, dass die „feste Burg“ in Gottes Schöpfung liegt, „die wir zunehmend mit Füßen treten“.

Dem friedlich verklingenden Klang-Orkan des Bundesjugendorchesters ließ das hellauf begeisterte Publikum einen Beifallssturm folgen, der erst ein Ende fand, als Shelley mitten in den Applaus hinein den Einsatz zur Zugabe gab: Leonard Bernsteins spritzige „Candide“-­Ouvertüre musizierte das Orchester nahezu ohne Führung, denn Shelley beschränkte sich darauf, seinen Körper im Takt der Musik zu wiegen – phänomenal. Und „Lenny“, dem die Förderung des musikalischen Nachwuchses ein Herzensanliegen war, hat im Komponistenhimmel sicher seine helle Freude am Spiel des Bundesjugendorchesters gehabt.

von Michael Arndt

 
 
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