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Marburg Erinnerungen an ein Leben im Dorf
Marburg Erinnerungen an ein Leben im Dorf
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21:03 28.10.2011
Katharina Hacker diskutierte nach der Lesung mit Besuchern über ihre „Dorfgeschichte“. Quelle: Mira-Kristin Muth

Marburg. Mit dem Hinweis, dass sich ihre Kinder mit Vorliebe ihrer Armbanduhren bemächtigten, borgt sich Hacker lachend die Uhr von der Bibliotheksleitung, bevor sie ihre Lesung beginnt.

„Eine Dorfgeschichte“ handelt – wie der Name vermuten lässt – nicht wie viele von Hackers vorhergehenden Werken von Großstadtmenschen und ihren Befindlichkeiten, sondern vom Leben im Dorf. In einem kleinen Ort im Odenwald, begegnen Mensch und Natur einander unmittelbar. Der nahe Wald mit seinen Tieren ist stets präsent und trägt direkt zur Schweigsamkeit bei, in der die Charaktere des Buchs zeitweise eingeschlossen scheinen.

Die Geschichte, die kein fortlaufender Roman ist, sondern eher eine Zusammensetzung aus Erinnerungen, wird von einer Ich-Erzählerin geschildert. Gemeinsam mit ihren Brüdern, Eltern und Großeltern hat sie die Sommer ihrer Kindheit an einem Ort verbracht, an den sie als Erwachsene zurückkehrt und von dem sie nun Einzelheiten erinnert.

Die atmosphärisch dichte Sprache zieht den Zuhörer direkt in die geschilderte Szenerie hinein. Memorierte Gerüche und Töne werden erwähnt, Farben und direkt damit verbundene Empfindungen der Protagonistin. Sprachliche Handlungen nehmen in dem Feriendorf ihrer Kindheit eine untergeordnete Rolle ein.

Die Geschwister kreieren in ihren Köpfen eine Welt, in der sich reale Dinge zu übermächtigen Kräften formieren. Die Nachkriegszeit birgt für die Kinder zwar keine greifbare Gefahr mehr, sehr wohl generiert sie aber eine subtile Angst und einen geheimnisvollen Grusel vor der Vergangenheit. Als mitunter verstörend ernsthaft wird die Weise geschildert, auf die die Kinder „Flüchtlingszug aus dem Osten“ und „Totsein“ spielen. Die Erwachsenen stellen einen oft unangenehmen Teil der Kinderwelt dar. Als schweigsam und streng beschrieben verkörpert die Mutter weder Geborgenheit noch Sicherheit.

In oft knappen Teilsätzen vermag die 1967 in Frankfurt geborene Katharina Hacker in ihrem neuen Buch eine besondere Intensivität zu kreieren. Das Druckbild ist nicht ganz so ungewöhnlich wie in „Alix, Anton und die anderen“, dem ersten Band einer Trilogie, das sich in zwei Spalten präsentierte. Jedoch erscheint auch „Eine Dorfgeschichte“ anders als gewöhnliche Geschichten. Bruchstückartige Erinnerungssplitter der Erzählerin lassen viel weißen Raum, manche Seiten beherbergen nur wenige Sätze.

Hacker, die 2006 für „Die Habenichtse“ den Deutschen Buchpreis erhielt, hat das im Buch beschriebene Dorf nicht frei erfunden.

Es ist der Ort, an dem sie als Kind ihre Ferien verbracht hat und in das sie auch heute noch mit ihren eigenen Kindern zurückkehrt. Dieser Ort, so Hacker, repräsentiere für sie eine Stille und damit Mischung aus Einsamkeit, Enge und Nähe. Gleichzeitig stelle er aber eine besondere Art der Bezauberung dar.

Am Ende der Lesung ergaben sich zwischen der Autorin und den Zuhörern interessierte Gespräche. Hacker, die unter anderem als Übersetzerin aus dem Hebräischen arbeitet, signierte im Anschluss Buchexemplare und diskutierte mit einem Gast Übersetzungsprobleme des Hebräischen.

von Mira-Kristin Muth

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