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Marburg Trauerarbeit oder Instrumentalisierung?
Marburg Trauerarbeit oder Instrumentalisierung?
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11:06 19.02.2018
An dieser Stelle in der Bahnhofstraße verunglückte eine Studentin mit ihrem Rad am 1. Februar 2017 tödlich. Die Gedenkinstallation ist kurz nach dem Jahrestag von der Stadtverwaltung entfernt worden. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

„Ich kann nicht ­tatenlos zusehen, wie respektlos die Stadt Marburg mit dem Andenken umgegangen ist“, heißt es in einem Schreiben aus dem Umfeld der Verstorbenen, der der OP vorliegt.

Die Handhabung der Stadt mit dem Denkmal sei „respektlos dem Opfer, der Familie und allen Angehörigen gegenüber“, wobei diese doch eigentlich Verständnis verdient hätten, habe „große Trauer, neuen Schmerz und Wut beschert“.

Es stelle sich die Frage, was die Stadt durch die Entfernung des Fahrrads gewonnen habe. „Wir wissen aber definitiv was wir verloren haben. Einen Ort, an dem wir aus aller Welt kommen können, um an unsere Freundin zu denken.

Einen Ort, an dem wir trauern können. Einen Ort, an dem wir an die tollen Tage und Momente zurückdenken können.“ Und vor allem einen Ort, der „symbolisch dafür steht, was in der Marburger Verkehrsplanung schiefläuft.

Auch die Lokale Agenda hält die Entfernung für „höchst bedauerlich“, wie Wolfgang Schurek sagt. Auch für Henning Köster, Linken-Stadtverordneter und einen der Gedenk-Organisatoren, ist die Entfernung des weißen Fahrrads nahe des Postgebäudes „empörend“. Ein Gedenkort sei seitens des Ordnungsamts „kalt gelöscht worden“.

CDU wittert "politische Instrumentalisierung"

Anderswo, etwa an Landesstraßen auch rund um Marburg stünden Kreuze am Straßenrand, „um nichts anderes als das zu tun, als der Trauer Ausdruck zu verleihen“. Die CDU wittert angesichts des anhaltenden Protests „eine politische Instrumentalisierung eines tragischen Unfalls“, wie Karin Schaffner, Stadtverordnete, sagt.

Das Unglück werde seitens „einer Rad-Lobby als Plattform genutzt, um sich selbst in einem strahlenden Licht zu präsentieren und gleichzeitig Autofahrer als Buh-Männer zu verteufeln“. An den Lkw-Fahrer oder andere Augenzeugen des Verkehrsunfalls 
denke niemand, „obwohl auch die mit der Tragik und der schlimmen Erinnerung leben müssen.“

Genau das sei der Grund für die Entfernung des Gedenkfahrrads gewesen, erklärt Bürgermeister Wieland Stötzel (CDU): Anwohner und Gewerbe-Mitarbeiter, die den tödlichen Unfall vor einem Jahr mitbekommen haben, hätten bei der Bewältigung der Geschehnisse einen „Zeitpunkt erreicht, über den Anblick des Fahrrads nicht mehr täglich an den Schrecken erinnert werden zu wollen und stattdessen Ruhe zu finden“, erklärt er in der Sitzung des Verkehrsausschuss.

Problematischer Bereich in der Bahnhofstraße ist bekannt

Köster entgegnet: „Auch ohne dass ein Rad da steht, werden Augenzeugen sich daran erinnern. Obrigkeitsstaatliches Wegmachen eines Gedenkorts kann doch keine Lösung sein.“ Es sei „wieder mal sehr deutlich, welche Prioritäten man seitens der Politik setzt“, heißt es dazu im Brief von Angehörigen an die Stadt.

Es sei, so Stötzel die Entscheidung der Eltern, die nun seitens des Magistrats angeschrieben worden seien, ob es eine andere­ Form, einen anderen Gedenkort geben könnte. „Das hat mit Politik nichts zu tun, es gibt einfach eine größere Zahl Betroffener, denen man gerecht zu werden versucht.“

Zu einem „sensiblen Umgang“ mahnt Fabio Longo (SPD). Es solle wegen des Todes der 27-jährigen Studentin keine verkehrspolitischen Debatten geben, zumal der Stadtverwaltung der problematische Bereich in der Bahnhofstraße bekannt sei und in Zukunft umgestaltet werde (OP berichtete).

von Björn Wisker