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Marburg „Empfindliches Chaos“ wird erwartet
Marburg „Empfindliches Chaos“ wird erwartet
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12:35 11.03.2018
Die roten Linien markieren die Sperrung von Flächen als Lagerplätze und für Baucontainer. Quelle: Stadt Marburg
Marburg

Oberbürgermeister­ Dr. Thomas Spies (SPD) ruft dazu auf, auf das „Elterntaxi“ zu verzichten. Schüler müssten nicht zwingend von ihren Eltern mit dem Auto zur Schule gefahren werden. Aus diesem Grund seien kürzlich 11 400 Handzettel an den Schulen verteilt worden.

Eltern werden um Mithilfe gebeten, indem sie, wenn es ihnen möglich ist, auf das eigene Auto verzichten und alternative Verkehrsmittel wie Busse nutzen. Besonders zu den Stoßzeiten von 7 bis 8.30 Uhr sowie 15.30 bis 17.30 Uhr wird mehr Stau in der Innenstadt erwartet.

„Wer in der Nähe der Schule­ wohnt, könnte zu Fuß gehen oder mit dem Fahrrad fahren“, heißt es. Ein weiterer Vorschlag: Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen, könnten diese ein Stück von der Schule entfernt absetzen und das letzte Stück zu Fuß gehen lassen. Ebenso sei der Zug vom Hauptbahnhof zum Südbahnhof eine Alternative, etwa für Schüler aus dem Norden, die zu den Schulen in der Leopold-Lucas-Straße wollen.

Auch in den Kindertagesstätten habe es entsprechende Aushänge gegeben. Wäre der Verzicht auf das Auto nicht möglich, sollten doch zumindest Fahrgemeinschaften gebildet­ werden, sagte Spies auf der ­Informationsveranstaltung (die OP berichtete).

Verkehrsströme nach zwei Wochen eingependelt

Eine weitere vorsorgliche Maßnahme sind Umleitungsempfehlungen, unter anderem auch für den Schwerverkehr. Aus Süden kommend wäre die Strecke durch den Stadtwald möglich, aus Norden kommend über die B 62 durch Lahntal. Michael Hagenbring von der Straßenverkehrsbehörde betonte, dass jedoch mit solchen Empfehlungen vorsichtig umgegangen werden sollte, denn: „Jeden Verkehr, den wir wegleiten, lasten wir jemand anderem auf.“ Genau das, eine deutliche Zunahme des Verkehrs, befürchten Marburger Nachbarkommunen.

Die städtische Straßenverkehrsbehörde geht davon aus, dass sich die neuen Verkehrsströme innerhalb von zwei bis drei Wochen nach Brückensperrung eingependelt haben. Diese­ Zeit diene als Phase zur Beobachtung, an welchen Stellen der Verkehr zunehme, wie Umleitungen genutzt werden und wie viele Menschen auf ­alternative Verkehrsmittel umsteigen. Erst nach dieser Eingewöhnungszeit könne die Ampelschaltung angepasst werden, teilte Hagenbring mit.

Mit der Sperrung der Brücke einher geht die Sperrung von Flächen als Lagerplätze und für Baucontainer. Auch ein Teil des Elisabeth-Blochmann-Platzes muss während der gesamten Bauzeit der Weidenhäuser Brücke für die Baufirmen zur Verfügung stehen, teilte die Stadt mit. Die Veranstalter, die regelmäßig den Elisabeth-Blochmann-Platz für ihre Veranstaltungen nutzen, seien bereits im Vorfeld informiert worden.

Betroffen seien etwa das Stadtfest „3 Tage Marburg“, das Hafenfest, die Innenstadtkirmes, die Kundgebung am 1. Mai und das Ramadanzelt. „Im Gespräch mit den Veranstaltern wurden Lösungen gefunden. Der größere Teil des Platzes kann weiterhin genutzt werden“, heißt es vonseiten der Stadt auf OP-Anfrage.

Ist Schwerlastverkehr zu Behringwerken Problem?

Ketzerbach-Anwohner beklagen nun einen immer weiter zunehmenden Lkw-Verkehr zwischen Bahnhofstraße und Marbacher Weg. Das Ziel des Schwerlastverkehrs: die Behringwerke in der Marbach und am Görzhäuser Hof. „Diese Strecke wird vom Lieferverkehr und von Baustellenfahrzeugen als direkter Weg, als Durchgangsstraßen genutzt“, sagt Teddy Scharlau, Vorsitzender der Ketzerbachgesellschaft auf OP-Anfrage.

Während es in den letzten Jahrzehnten zumindest Diskussionen um eine großangelegte Problemlösung wie den Bau eines Behringtunnels oder die Westtangente gegeben habe, herrsche seit einigen Jahren Stillstand, obwohl die Verkehrsbelastung für die Bewohner zwischen Bahnhof- und Emil-von-Behring-Straße durch den geschehenen und anstehenden Ausbau des Behringstandorts schlimmer werde. „Es bewegt sich gar nichts mehr und die Befürchtung ist, dass die Probleme eher zu- als abnehmen.“

„Die Situation sorgt für eine erhöhte Schadstoffbelastung der Anwohner, für Lärm und Grundstücks- und Immobilienwertminderungen“, sagt Henning Köster, Linken-Stadtverordneter. Auch die kürzlich von Magistrat und Stadtverordnetenversammlung akzeptierte Parkplatzerweiterung am Pharmastandort „wird eher für immer mehr als für weniger Durchgangsverkehr sorgen“.

Der vor Jahren geschehene Ausbau der Lahntal-Routen über Sterzhausen und Michelbach habe „keine spürbare Verbesserung gebracht“. Nach Angaben der Stadtverwaltung fahren täglich 7 500 Fahrzeuge durch die Ketzerbach und den Marbacher Weg – morgendlicher und nachmittäglicher Behringstau inklusive. Zum Vergleich: In der Universitätsstraße sind es mehr als doppelt so viele.

Navi-Dienstleister sind informiert

„Die Erreichbarkeit des Pharmastandorts muss gewährleistet sein. Es gibt für Lieferverkehr, außer natürlich der eigentlich unbedingt zu wählenden B 62, keine geeignete Alternative zur Ketzerbach“, sagt Bürgermeister Wieland Stötzel (CDU) mit dem Verweis auf Strecken wie über den Rotenberg oder durch den Stadtwald. Man könne zwischen Bahnhof- und Emil-von-Behring-Straße nicht „einfach mal für alle Fahrzeuge über 3,5 Tonnen dichtmachen.“

Die BfM-Stadtverordnete Andrea Suntheim-Pichler sieht das ähnlich: „Für die Pharmafirmen, aber auch für die Händler in der ganzen Nordstadt muss der Lieferverkehr, der nunmal logischerweise mit großen Fahrzeugen geschieht, problemlos ermöglicht sein.“

Köster entgegnet, dass nach jahrelangen Zugeständnissen gegenüber den Pharmafirmen „jetzt auch mal die wichtigen Unternehmen in die Pflicht genommen werden müssen, da es noch andere Belange, nämlich jene von Bewohnern gibt“.

Magistrat und ZIMT-Regierung aus SPD, BfM und CDU glauben an massive Effekte­ durch die Sperrung der Weidenhäuser Brücke: „Kein Zulieferer hat Interesse daran, im Stau zu stehen. Die kommende Verkehrssituation in der Stadt wird zum Umdenken führen, die Lkw werden vermehrt anders herum, über die B 62 fahren“, sagt Bürgermeister Stötzel.

Suntheim-Pichler verweist auf „praktische Probleme durch Navigationssysteme, die viele Lkw-Fahrer auf dem direktesten Weg zum Ziel lenken – und das sei mitunter und zumindest bis zur Brückensperrung noch die Ketzerbach und nicht die B 62. Die Stadt Marburg hat allerdings Dienstleiter von Navigationssystemen über eindeutige Umleitungsstrecken für alle Verkehrsarten informiert, hieß es auf OP-Nachfrage.

Durch die Sperrung der Hauptverkehrsachse fürchten Teddy Scharlau und andere Ketzerbächer jedenfalls „ein empfindliches Chaos“, sofern nicht genau das gelinge: Transport- und Logistikunternehmen für eine konsequente Anfahrt über die B 62 zu bewegen.

von Björn Wisker und Simone Schwalm