Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Eltern fühlen sich im Stich gelassen
Marburg Eltern fühlen sich im Stich gelassen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 28.11.2018
Marburg leistet sich ein hessenweit einzigartiges Vertretungsprojekt. In einer angemieteten Wohnung betreuen unter anderem Evelin Weiße und Angela Fey (von links) die Kinder erkrankter Tageseltern. Quelle: Katja Peters
Marburg

„Wenn morgens das Telefon klingelt und die Tagesmutter Bescheid gibt, dass sie krank ist, dann bedeutet das für uns richtig Stress“, sagt Jörg Lange-Drewlies. Der Vater zweier Töchter pendelt täglich von Gladenbach nach Frankfurt zur Arbeit, ist auf die Ganztags-Betreuung angewiesen. Auch wenn er durch Home-Office-Tage kurzfristig einspringen kann, so ist das keine Dauerlösung. Das fehlende Vertretungskonzept im Landkreis macht sich in genau diesen Situationen bemerkbar.

Auch Lisa Herrmann kennt diese Bredouille. Sie ist alleinerziehend, ihre Eltern leben in Sachsen. „Wenn so ein Anruf kommt, ich gucke dann in den Mond.“ Für sie ist es keine Option, dass es kein Betreuungskonzept im Landkreis gibt. „Wenn der Staat möchte, dass wir Frauen Karriere machen, dann muss er uns auch bei der Kinderbetreuung unterstützen“, sagt die Gladenbacherin fast trotzig.

Sie stand kürzlich mit vor der Tür von Landrätin Kirsten Fründt (SPD), als Jörg Lange-Drewlies die gesammelten 70 Unterschriften von betroffenen Eltern und der Tagesmüttervereinigung überreichte. „Uns liegt es auch am Herzen, dass die Kinder, die uns anvertraut werden, versorgt sind, wenn wir ausfallen“, sagt Nadine Fischer-Damm, die die Kinder von den beiden Gladenbacher Eltern betreut. Auch deswegen unterstützt sie die Initiative, die den Landkreis nun in die Pflicht nehmen will.

Vertretungskonzepte

Mit dem Paragraf 23 soll eine Sicherheit geschaffen werden, die die Tagespflege zu einer vollwertigen Alternative zur Kindertagesstätte darstellt. Es ist nicht das eine, allgegenwärtige Prinzip. Von Stadt zu Stadt oder Landkreis zu Landkreis sind unterschiedliche Varianten in der Anwendung gängig. Im Landkreis Groß-Gerau gibt es ein flächendeckendes Gesamtkonzept, das sowohl das Tandem-Modell als auch vier regionale Tagespflegestützpunkte beinhaltet. Damit werden 13 Städte und Gemeinden abgedeckt.

Folgende Modelle gibt es:

  • Gegenseitige Vertretung
    Häufig vertreten sich die Tagesmütter gegenseitig. Dabei ist darauf zu achten, dass eine Betreuungsperson maximal fünf fremde Kinder in ihrer Obhut hat. Zudem ist es für eine Ersatzbetreuung notwendig, dass ein Vertrauensverhältnis zwischen den möglichen Vertretungskräften und den Kindern aufgebaut wird. Ein regelmäßiger Kontakt ist dabei unumgänglich. Eine gute Möglichkeiten sind regelmäßige Treffen der Kinder und Tagesmütter in den jeweiligen Räumlichkeiten und gemeinsame Freizeitaktivitäten wie der Besuch eines Parks oder auf dem Spielplatz.
  • Stützpunktmodell
    Hierbei treffen sich die Tagesmütter aus einem regionalen Gebiet einmal wöchentlich an einem sogenannten Stützpunkt. Das Angebot der Kinderaktivitäten wird dabei sowohl im Umfeld als auch unter Anleitung einer qualifizierten externen Erzieherin durchgeführt. Kommt es zum Ausfall einer der daran teilnehmenden Tagesmuttis, wird die Pädagogin die Ersatzbetreuung für maximal fünf Kinder übernehmen. Die Kleinen verbringen nun den Tag oder die kommenden Tage in einer ihnen bekannten Umgebung.
  • Tagespflegepersonen-Team
    Bei dieser Art der Ersatzbetreuung schließen sich insgesamt fünf Pflegepersonen, die räumlich nah beieinander ihre Betreuungstätigkeiten durchführen, zusammen. Sie bilden ein Vertretungsmodell. Dabei betreut jede einzelne maximal vier Kinder, sodass bei einem Ausfall jede Tagesmutti noch jeweils ein Kind in ihre Obhut nehmen kann. Dank regelmäßiger Aktivitäten des Betreuungsteams kennen sich die Kinder untereinander sehr gut und haben bereits ein vertrautes Gefühl mit den anderen Pflegekräften, sodass einer spontanen Vertretung nichts im Wege steht.
  • Tandemmodell
    Das Tandemmodell stellt die reduzierte Variante des Team-Modells dar. Hierbei schließen sich zwei Pflegemütter zusammen, die insgesamt nicht mehr als fünf Kinder betreuen. Gemeinsame Aktivitäten und Spielnachmittage schaffen die Basis dafür, dass im Krankheitsfall die andere Tagesmutter die Betreuung aller Kinder übernimmt.     

Denn der sieht keinen Bedarf für das gesetzlich vorgeschriebene Vertretungskonzept. Dabei ist im Paragraf 23 des Achten Buches des Sozialgesetzbuchs seit dem Jahr 2008 festgelegt, dass vom ersten Tag an eine Ersatzbetreuung zur Verfügung stehen muss. Dort heißt es: „Für Ausfallzeiten einer Tagespflegeperson ist rechtzeitig eine andere Betreuungsmöglichkeit für das Kind sicherzustellen.“

„Ein festgeschriebenes Vertretungskonzept existiert derzeit nicht“, heißt es von der Kreisverwaltung auf OP-Anfrage. „Für ein allgemeines Vertretungskonzept wäre ein größerer finanzieller Aufwand erforderlich, der sich zumindest bei dem derzeitigen angemeldeten Bedarf nicht rechtfertigt.“ Momentan regelt eine Dienstanweisung die Vertretung: „Wenn Eltern bei uns einen Betreuungsbedarf anmelden, dann klären und organisieren wir flexibel und individuell eine Ersatzbetreuung. Ein starres Konzept war hierzu bisher nicht erforderlich. Von Problemen ist uns nichts bekannt. Auch beim letzten Treffen mit dem Tagesmütterverein wurden keine Vertretungsprobleme vorgetragen“, sagt Stephan Schienbein, Landkreis-Pressesprecher.

„Aber wir Eltern haben das Bedürfnis nach einem Vertretungskonzept“, betont Jörg Lange-Drewlies. Klar erkennt er auch die Schwierigkeit, ein adäquates Konzept für die Fläche von Biedenkopf bis Neustadt zu entwickeln, „aber unser Anspruch ist gesetzlich verankert“. Viele Eltern im Landkreis entscheiden sich, laut seiner Recherche, bereits gegen die Betreuung bei einer Tagespflegeperson, weil bei einem Ausfall keine Versorgung des Kindes gewährleistet ist.

Die Kreisverwaltung merkt zudem an, „dass Eltern selbst Verantwortung für ihr Kind übernehmen, also auch selbst gefragt sind, wenn es um Fragen der Betreuung geht“. Genau so hätte Kirsten Fründt nach der Übergabe der Unterschriften auch gegenüber Jörg Lange-Drewlies argumentiert. „Das fand ich persönlich das konservativste Argument mir gegenüber.“ Die Landrätin erklärte, dass die Vertretung aus Steuergeldern und höheren Elternbeiträgen finanziert werden müsse. „Dass wir aber einen rechtlichen Anspruch auf Vertretung haben, darauf ist sie nicht eingegangen“, berichtet der Vater im OP-Gespräch.

Vertretung bietet Platz für fünf Kinder

Auch das Argument, dass sich die Tagesmüttervereinigung an der Erarbeitung eines Konzeptes beteiligen würde, stieß bei Fründt auf kein Interesse. Dass es ein funktionierendes Konzept für die Stadt Marburg gibt, welches als Grundlage dienen könne, blieb ebenso unkommentiert. Allerdings könne der Landkreis die 70 Schreiben nicht ignorieren, daher soll nun ein Konzept geprüft werden. „Sie betonte aber gleichzeitig, dass, wenn nach Einführung kein Bedarf bestehen würde, es auch schnell wieder eingestampft werden würde“, erinnert sich Lange-Drewlies.

Solche Probleme haben die Eltern in Marburg nicht. Dort gibt es bereits seit acht Jahren das „Vertretungsprojekt in der Kindertagespflege“ am Friedrichsplatz. Es ist ein hessenweit einzigartiges Vertretungsprojekt, in dem Kinder zuverlässig betreut werden, deren reguläre Tagespflegeperson ausfällt. „Die Tagesmütter und -väter in Marburg betreuen meist schon die Höchstzahl an Kindern (fünf) und haben so kaum freie Kapazitäten, um sich gegenseitig zu vertreten“, sagt Petra Prenzel vom städtischen Fachdienst Kinderbetreuung.

Projekt mit hohem Verwaltungsaufwand

Die Koordinierung des Vertretungsprojektes bedeutet einen hohen Verwaltungsaufwand. Vier Vertretungskräfte betreuen das ganze Jahr in einer angemieteten Wohnung im Südviertel ersatzweise im Schnitt fünf bis 15 Kinder, deren Tagespflegeperson wegen Krankheit, Schwangerschaft oder spontaner familiärer Angelegenheiten ausfällt. Ebenso hat das Projekt in der Vergangenheit kurzfristige Ausfälle der Betreuung aufgefangen, zum Beispiel, wenn Tagespflegepersonen ihre Tätigkeit aufgaben, wenn Pflegeerlaubnisse entzogen oder Betreuungsverhältnisse beendet wurden.

Neben der Betreuung in der Wohnung am Friedrichsplatz fahren die Tagesmütter auch zu den Tagespflegepersonen, für die sie die Vertretung im Krankheitsfall übernehmen. Im Fachjargon heißt das „Gesichtspflege betreiben“, also mit den betreuten Kindern in Kontakt treten, die auch in regelmäßigen Abständen in das Vertretungsprojekt eingeladen werden, damit sie die Räumlichkeiten kennenlernen und auch eine Beziehung zu den „anderen“ Tagespflegepersonen aufbauen können.

Hoffen auf flexible Arbeitgeber

Angela Stefan, Fachdienstleiterin Kinderbetreuung, betont allerdings, dass in Marburg die Vertretungen nur im Krankheitsfall in Anspruch genommen werden können. „Wenn die betreuende Tagesmutter zur Fortbildung geht oder in den Urlaub fährt, dann müssen die Eltern sich anderweitig Betreuung organisieren.“ Dafür reicht das Geld, welches die Stadt zur Verfügung stellt, nicht aus.

„Bei uns wird kein Elternpaar im Regen stehengelassen“, sagt Petra Prenzel. Die Koordinatorin weiß, dass Alleinerziehende und voll Berufstätige ganz oben auf der Liste stehen, wenn es um die Vertretung geht. „Unser Projekt ist schon ein toller Service für die Eltern, der ein hohes Maß an Sicherheit gibt.“

Davon kann Jörg Lange-Drewlies nur träumen. Er muss derzeit weiter hoffen, dass sein Arbeitgeber ihm die Flexibiltät mit dem Home Office so lange gewährt, bis der Landkreis ein Vertretungskonzept einführt und dann hoffentlich nicht wieder einstampft.

von Katja Peters