Volltextsuche über das Angebot:

31 ° / 13 ° wolkig

Navigation:
Elena Ferrantes Neapel-Saga geht weiter

OP-Buchtipp: „Geschichte eines neuen Namens“ Elena Ferrantes Neapel-Saga geht weiter

Für die einen sind es nichtssagende Frauenromane, für die anderen hat Elena Ferrante ein Meisterwerk der Gegenwartsliteratur geschaffen.

Voriger Artikel
AfD wächst – nicht nur im Internet
Nächster Artikel
Prächtiges Buch der Bücher

In Neapel spielt die Tetralogie von Elena Ferrante. Bei Touristen besonders beliebt ist die hier gezeigte Krippenstraße Via San Gregorio Armeno.

Quelle: Cesare Abbate

Die Neapel-Tetralogie der großen Unbekannten hat nach Italien und Amerika auch Deutschland gepackt. Den ersten Band „Meine geniale Freundin“ ließ sie wie die Folge einer Fernseh­serie enden, mit offenem Ausgang, an einem dramatischen Wendepunkt.

Genau dort knüpft die italienische Schriftstellerin Elena Ferrante im zweiten Band ihrer Neapel-Tetralogie an, welche für die „New York Times“ das „beste Porträt einer Frauenfreundschaft“ ist. In „Die Geschichte 
eines neuen Namens“ werden Lina und Lenù älter, während sie die gegenseitige Rivalität, die ständige Sorge um Geld und die Machenschaften der Camorra-Mafia mal zueinander, mal auseinander treiben.

Geschrieben aus Sicht der schüchternen, aber klugen Elena Greco, genannt Lenù, schildert Ferrante auf mehr als 600 Seiten die Jugendjahre der zwei so unterschiedlichen Freundinnen aus einem ärmlichen Stadtteil in Neapel, die sich aller Zerwürfnisse zum Trotz über sechs Jahrzehnte lang nicht komplett aus den Augen verlieren sollen.

Zwiespältiges Verhältnis

Doch der Roman erzählt nicht die Geschichte einer harmonischen Freundschaft. Viel mehr geht es um die Gleichzeitigkeit von Zuneigung und Häme, Aufrichtigkeit und Lüge, Gönnen und Neid. Abgründe tun sich in Ferrantes Welt überall in den Straßen des „Rione“ auf.

Über Lila bricht das Unglück herein, als sie den Wurstwarenhändler Stefano Carracci heiratet. Gerade als sie ihren Namen Cerullo abgibt und den – im Titel besagten – neuen zu tragen beginnt, macht sie die bittere Beobachtung, dass ihr Mann gemeinsame Sache mit dem Camorra-Clan Solara macht.

Und auch sonst sind Ehe, ihr neuer Reichtum, die Wohnung fernab der trostlosen Gassen des Rione nicht das, was Lila und Lenù sich als spielende Mädchen im ersten Band der Saga ausmalten. Lila wird von Stefano misshandelt, wehrt sich vehement gegen eine Schwangerschaft, versucht, der Herrschaft und Brutalität des Mannes zu entkommen.

Währenddessen mausert sich Lenù zur Musterschülerin, sie liest und büffelt, verschafft sich durch Anerkennung der Lehrer Selbstvertrauen und kann zeitweise die Konkurrenz zu Lila, die längst nicht mehr die Schulbank drückt, vergessen. Doch das zwiespältige Verhältnis zu ihrer Freundin wirft sie immer wieder aus der Bahn. Die Gefühle für die Männer machen es nicht einfacher.

Doch das Erleben von Elena Greco ist untrennbar mit Lilas verbunden. Ferrante räumt dem Leben der Ich-Erzählerin fernab der Freundschaft wenig Platz in dem Buch ein. Es sind einige wenige Kapitel, in denen es ausschließlich um Lenùs Schulzeit und ihr Studium in Pisa geht.

Mysterium um Autorin

Egal, ob es Momente sind, die die beiden Freundinnen teilen – wie etwa der auf gut 200 Seiten beschriebene, für beide entscheidende Urlaub auf Ischia – oder solche, die sie getrennt voneinander erleben: Lenù weiß sie alle zu schildern. Sie liest geheime Aufzeichnungen von Lila,
erfährt Geschehenes von Bekannten. So gelingt es Ferrante, die erdrückenden Gefühle der Ich-Erzählerin trotz der Distanz zum eigentlichen Grund dafür, Lila, zu schildern.

Die vier Bände der Neapel-
Tetralogie erschienen in Italien bereits zwischen 2011 und 2014. Elena Ferrante wurde zum Weltstar, doch bis heute versucht sie, ihre Identität zu hüten. Im Herbst will ein Enthüllungsjournalist geklärt haben, wer die Welt von Lenù und Lila erschaffen hat: Nach Ansicht von Claudio Gatti verbirgt sich hinter dem Pseudonym Elena Ferrante Anita Raja, die als Übersetzerin für den Verlag arbeitet, in dem Ferrantes Werke erscheinen. Ferrantes deutscher Verlag Suhrkamp will sich auch Monate nach der Enthüllung zu Fragen, die die wahre Identität der Autorin betreffen, nicht äußern. Kritiker sagen, das Mysterium um die Identität lenke vom Buch ab.

Kritische Worte über das neue Stück italienischer Literaturgeschichte finden sich insgesamt nur wenige. Und das, obwohl Ferrante eine schlichte Sprache und eine konventionelle Dramaturgie wählt, dazu noch das leicht abgegriffene Bild einer jungen Frau, die sich aus dem Ghetto herausarbeitet und von ihrer Vergangenheit emanzipiert. Doch Ferrante schafft es, in einer scheinbar plumpen Erzählung die Geschichte einer Stadt unterzubringen und diese mit einer umfassenden, tiefgreifenden Betrachtung der soziologischen und ökonomischen Verhältnisse in Neapel zu verquicken.

  • Elena Ferrante: „Die Geschichte eines neuen Namens“, Suhrkamp, Berlin, 624 Seiten, 
25 Euro.

von Lena Klimkeit

 
 
Voriger Artikel
Nächster Artikel