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Marburg Der Tod lauert auf der Lahn
Marburg Der Tod lauert auf der Lahn
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11:00 02.03.2018
Thomas Fröhlich ist ins Eis eingebrochen und wartet auf seine Retter. Trockenanzüge schützen vor dem Eiswasser. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Vorsichtig setzt Thomas Fröhlich einen Fuß vor den anderen. Die Sonne spiegelt sich auf dem Eis. Blauer Himmel. Verlockend, so ein Spaziergang auf dem zugefrorenen Fluss. Plötzlich gibt es einen dumpfen Laut, das Eis knackt. Thomas Fröhlich lacht und – ist weg. Eingebrochen! Ein Horrorszenario, das diesmal zum Glück nur eine Übung der Feuerwehr Marburg ist.

Thomas Fröhlich steckt in einem Trockenanzug, der ihn vor der eisigen ­Kälte schützt. An seinem Anzug ist ein Seil befestigt, das zum Ufer gespannt ist. Dort stehen seine Kameraden und sichern ihn. „Happy, alles klar bei dir?“, ruft Manfred Erxleben auf die Lahn hinaus und bekommt von Thomas „Happy“ Fröhlich ein „Daumen hoch“ angezeigt. „Wir trainieren hier unter fast realen Bedingungen den Ernstfall“, erklärt Erx­leben, der die Übung mit den Feuerwehrleuten des Fachdienstes Brandschutz leitet.

Im Ernstfall muss jeder Handgriff sitzen

Der Ernstfall kommt leider viel zu häufig vor, weiß der erfahrene Feuerwehrmann. Immer wieder brechen im Landkreis Marburg-Biedenkopf Menschen ins Eis ein. Erst vor wenigen Jahren war in Wehrda ein kleiner Junge in der Lahn eingebrochen und gestorben. Er war unter die Eisdecke geraten, von der Strömung mitgerissen worden und konnte erst einen Tag später ­geborgen werden. Einsätze wie diese brennen sich in die Köpfe der Retter. Beschäftigen sie ein Leben lang. Um so wichtiger ist es, für den Ernstfall gewappnet zu sein.

Jeder Handgriff, jede Bewegung muss sitzen. Denn bricht ein Mensch ins Eis ein, droht schon nach wenigen Minuten der Kältetod. „Wir müssen sonst ja auch schnell sein, aber hier zählt wirklich jede Sekunde. Menschen, die ins Eis einbrechen, sind nach kurzer Zeit unterkühlt und bewegungsunfähig“, erklärt Erxleben und beobachtet, wie Timo Keppler und Marcel Schulten auf dem Bauch liegend übers Eis zu ihrem bis zur Brust im Wasser steckenden Kollegen robben.

Das Eis knackt bedrohlich, auch Keppler und Schulten brechen mehrmals ein und können nur dank der geballten Zugkraft ihrer Kollegen ans Ufer gezogen werden. „Gar nicht so leicht, das Opfer über diese Eiskante zu hieven, weil man selbst ja keinen Halt hat. Man ist definitiv auf ­Hilfe von außen angewiesen“, bilanziert Keppler, als er sich aus seinem Trockenanzug schält. Jetzt dürfen zwei andere in die eisigen Fluten und das Retten üben.

Feuerwehr übt verschiedene Rettungsvarianten

Mehrmals probieren die Feuerwehrleute unterschiedliche Rettungsvarianten: Ohne alles, mit dem Spineboard (Rettungstrage), einem Rescue Sled (aufblasbarer Rettungsschlitten) und einfacher Handschlaufe, die dem Opfer um die Hände gelegt wird. Klappt alles reibungslos. Am schlechtesten funktioniert die Variante mit dem Schlauchboot. „Das dauert im Ernstfall viel zu lang“, betont Erxleben, der dringend davor warnt, die momentan teilweise zugefrorene Lahn zu betreten.

Die Feuerwehr Marburg trainierte bei minus acht Grad eine Eisrettung in der teilweise zugefrorenenen Lahn. Fotos: Nadine Weigel /Felix Busjaeger

Während auf Seen die Eisschicht eine Dicke von mindestens 15 Zentimetern haben muss, um tragfähig zu sein, sind es bei einem fließenden Gewässer schon 20 Zentimeter. Das ist bei der Lahn auch bei Dauerfrost nicht der Fall. Denn fließende Gewässer sind generell unberechenbar. „Durch die unterschiedliche Fließgeschwindigkeit des Wassers kann das Eis ganz unterschiedlich dick sein. Das kann man gar nicht einschätzen“, warnt Erxleben.

Nach gut einer Stunde ist die Übung beendet. Alle frieren. Kein Wunder bei einer ­Außentemperatur von minus acht Grad. Das „Opfer“ ist hart im Nehmen und noch relativ „happy“: „Der Trockenanzug ist schon gut, nur die Hände sind nass und die spürt man irgendwann nicht mehr“, sagt Thomas Fröhlich und lässt sich einen dampfenden Kaffee reichen.

von Nadine Weigel