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Einfach originell, dieses Biermann-Duo

Wolf und Pamela Biermann in Marburg Einfach originell, dieses Biermann-Duo

„Ach, die erste Liebe“, und die Politik. Wenn Wolf Biermann ankündigt, mit seiner Frau ein Programm mit Liebes­liedern zu singen, dann erwarten seine Anhänger dennoch mindestens ­politische Untertöne. Sie wurden nicht enttäuscht.

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Wolf Biermann braucht kein Bühnenshow-Tamtam. Seine Kunst und das Können seiner Frau Pamela reichen völlig aus, den Zuhörern einen tollen Abend zu bereiten.

Quelle: Manfred Schubert

Marburg. Manchmal dauert es lange. Seit 30 Jahren sind sie zusammen, und erst seit letztem Jahr treten Wolf Biermann und seine Frau Pamela gemeinsam auf die Konzertbühnen der Republik. Und sie macht es gut, die 27 Jahre jüngere Frau, die sich von dem grauen Wolf nicht an die Wand singen lässt. Mit ihrer kräftigen Altstimme war sie vor 190 mitgerissenen und beeindruckten Zuhörern in der Galeria Classica des Hessischen Landestheaters Marburg mindestens ebenso präsent wie der berühmte Liedermacher und Lyriker. Pamela Biermann traf nicht nur die Töne, sie gab auch oft den Ton an, während sich Wolf zum Teil auf die virtuose Begleitung an Gitarre und Klavier konzentrierte, mit rauer Stimme Zwischenrufe und Schreie, Stöhnen und Brummeln hinzufügte. Aber es gab auch gefühlsbetonte sowie temperamentvolle Duette und geradezu perfekt passten beide Stimmen und Gesangsweisen bei der brutal-komischen amerikanischen Ballade von „Johnny Sand und Betsy Bucht“ zusammen. Bei der es einen Knalleffekt gab, denn an der Stelle, an der Johnny Betsy erschießt, ließ Pamela tatsächlich einen lauten Schuss los.

Alle 19 Lieder des 90-minütigen Konzerts sowie die zwei Zugaben, die das Publikum sich erklatschte, stammen aus dem neuen Buch „Fliegen mit fremden Federn“. Wolf Biermann hat im Verlauf von fünf Jahrzehnten Kostbarkeiten von Poeten aus verschiedenen Jahrhunderten und Sprachen in sein singbares Deutsch gebracht. „Nachdichtungen und Adaptionen“ heißt es im Untertitel.

Lieder von der Liebe im Krieg und vom Krieg in der Liebe sind dabei, zum Beispiel das immer aktuell in seiner Mahnung klingende „Johnny, nun liegst du so da“ nach „Johnny I Hardly Knew You“. Keine Sekunde Gefahr, dass es schnulzig werden könnte. Aber originell im höchsten Maße. Das weltberühmte „Bei mir biste schejn!“ in Biermanns Version klingt völlig neu. Und äußerst witzig war das parodistische Lied von lebenslang umgangener sexueller Aufklärung, das er aus Harry Belafontes „Calypso“ gemacht hat. Und wo die Worte der Lieder nicht reichten, da klärte Wolf Biermann auf. Zum Beispiel darüber, wie Jean-Baptiste Clement berühmtes Chanson „Zeit der Kirschen“ zum Kampflied der Pariser Commune wurde. „Auch Liebeslieder können politisch wirksam werden“, sagte er.

Nils Ferlins „Blaublümeleinwelt“ könnte man auch kommunistisch missverstehen, wie die Franzosen „Le Temps des Cerises“. Kommunismus sei ja auch die Hoffnung auf ein soziales Narrenparadies, wo die Menschen Brüder sind. Dann sei das auch ein politisches Lied.

Am Schluss des Konzerts beantworteten Wolf und Pamela Biermann die entscheidende Frage des Abends mit Louis Aragons „Glückliche Liebe“. Auch wenn Wolf seine Bedenken vortrug: „Aragon war ein Salonstalinist, ein Schwein, aber er hat dieses wunderbare Gedicht geschrieben. Was tun? Mir ist ein gutes Gedicht von einem schlechten Menschen dann doch lieber als...“

Mehr als eine halbe Stunde Zeit nahm sich Wolf Biermann anschließend, um am Klavier CDs zu signieren und einige Worte mit den Zuhörern zu wechseln. Erst jetzt hielt sich seine Frau etwas abseits, hatte ein Stück entfernt in der ersten Sitzreihe Platz genommen und schaute zu und gab dort Autogramme.

von Manfred Schubert

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