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Marburg „Einen Knacks hat jeder“
Marburg „Einen Knacks hat jeder“
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17:25 06.08.2015
Eine Familie mit vielen herausragenden Persönlichkeiten: die Manns. Quelle: Aufbau-Verlag

Mit seiner gewohnten Ironie sprach der Literaturnobelpreisträger über einen weit verzweigten Familienverband mit einer Chronik voller Erfolge und Tragödien – die Spannweite reicht von Bestsellerautoren („Die Buddenbrooks“, „Der Untertan“) bis zu Selbstmördern, erstreckt sich von Lübeck bis Venedig, von München bis zum kalifornischen Sonnenstrand und dem Exilort Pacific Palisades.

Alle Beteiligten verkörpern neben ihren persönlichen Schicksalen auch die deutsche Geistesgeschichte und die politischen Wirren seit 1900. „Vorsicht ist geboten bei allen Personen namens Mann“ warnte in Hitler-Deutschland das Ordnungsamt Lübeck 1936.

Der Berliner Autor Manfred Flügge, der bereits mit einer vielbeachteten Biografie über Heinrich Mann hervorgetreten ist, nennt denn auch sein neues Buch ganz folgerichtig „Das Jahrhundert der Manns“. Mit diesem nicht gerade bescheidenen Anspruch gelingt Flügge auf „nur“ 400 Seiten ein leicht lesbarer und doch inhaltsreicher „Schnelldurchlauf“ zu dieser Familie des 20. Jahrhunderts.

Das Buch ist allen Lesern zu empfehlen, die sich bisher noch nicht sehr intensiv mit dieser Schriftstellerfamilie befasst haben, aber nach der erfolgreichen Fernsehserie „Die Manns“ von 2001 vielleicht doch etwas mehr wissen wollen, ohne sich gleich literaturwissenschaftlich vertiefen zu müssen.

Anschauliche Beschreibung der Persönlichkeiten

Natürlich bietet Flügge auch komprimierte Einführungen zu den wichtigsten Werken der Manns, die möglicherweise sogar zu der einen oder anderen näheren Buchlektüre verführen können. Vor allem bietet Flügge recht anschauliche und präzise Persönlichkeitsbeschreibungen der jeweiligen Protagonisten mit Kapiteln wie „Die Tragödie der Carla Mann“, „Bruderzwist im Hause Mann“ und „Die Erfahrung des Exils“.

So stellt sich ebenfalls die Frage, ob Thomas Mann mit seiner „Knacks“-Bemerkung auch seine Vorliebe für „göttliche Jünglinge in früher Männerblüte“ meinte, die er mit seiner bereits 1911/12 erschienenen und später von Visconti verfilmten Erzählung „Der Tod in Venedig“ offenbarte. Vor dem Hintergrund aktueller Debatten über Pädophilie liest sie sich vielleicht für manche etwas anders.

Insgesamt aber habe Mann, dessen Todestag sich am 12. August zum 60. Mal jährt, aber auf seine Weise – mit seinen Arbeiten und auch späteren Äußerungen – zur gesellschaftlich-moralischen Akzeptanz der Homosexualität beigetragen, meint Flügge. Ein deutliches Selbstporträt des autonomen Künstlers ist die Erzählung „Tonio Kröger“ (1902), für Flügge der Typus des „pathetisch-heroischen Künstlers, der Märtyrer seines Talents“ oder auch ein „Bürger auf Abwegen“, wie es in der Erzählung heißt. Ein Künstlerleben, das im privaten und familiären Bereich seinen Preis hatte.

Die Tochter Monika Mann sprach vom „Zwielicht der mondänen Einsamkeit“, und Elisabeth Mann-Borgese erinnerte sich, dass sie „nur ein einziges Mal ein ausführliches Gespräch mit dem Vater“ geführt habe. Insgesamt versteht Flügge die vielen Sonderwege und Widersprüche, Irrtümer und Erfolge der Manns auch als einen „Spiegel, in dem wir manche Züge und Neigungen der Deutschen besser erkennen können“.

Erstaunliche Lebensbilanzen

Das spiegeln schon die beiden so unterschiedlichen Brüder Thomas und Heinrich wider. Einerseits der äußerlich immer die Form wahrende, innerlich aber von Gefühlen geschüttelte Thomas, andererseits der rebellische und die Sinnenfreuden auch auslebende Heinrich. Flügge widmet sich natürlich auch den Kindern Erika und Klaus Mann.

Die offen gelebte Homosexualität von Klaus, die sich sein Vater zugunsten der Lebensbürgerlichkeit noch versagte, hat das Leben des Autors von „Mephisto“ auch nicht gerade stabilisiert. Erika war die kampfesfreudige Tochter, die ihren Vater zur offenen Opposition gegen Hitler-Deutschland veranlasste, bis zum Exil. Dann der melancholische Sohn und Historiker Golo Mann, der ein pessimistisches Fazit über die Deutschen nach dem Holocaust zog: „Wo das möglich war, da wird immer alles möglich sein.“

Seltsam genug lesen sich die Lebensbilanzen des Ehepaars Katia und Thomas Mann. Katia meinte einmal, „fast beiläufig, zu unser aller Verblüffung“, wie Marcel Reich-Ranicki in seinem Nachruf schrieb, sie habe in ihrem Leben „nie tun können, was ich hätte tun wollen“. Und der „Zauberer“, wie Thomas Mann in seiner Familie auch genannt wurde, sprach am Ende von einem „wunderlichen Lebenstraum“, den er aber eigentlich nicht wiederholen wolle – aus welchen Gründen auch immer.

  • Manfred Flügge: „Das Jahrhundert der Manns“, Aufbau-Verlag, 416 Seiten, 22,95 Euro.

von Wilfried Mommert