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Marburg Eine Marburgerin tanzt durch Berlin
Marburg Eine Marburgerin tanzt durch Berlin
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00:16 25.09.2018
Uuuuund cut: So endet „Inside Berlin“ mit Christina Eibisch. Quelle: Screenshot
Marburg

Auf einem Berliner Kinderspielplatz treffen sich zwei Marburger. Malte Wirtz und Christina Eibisch kennen sich aus Jugendtagen an der Lahn, verschiedene Schulen, aber gemeinsame Clique. Jetzt leben sie beide in Berlin, sie haben Kinder im selben Alter. Er ist inzwischen Autor und Filmemacher (Voll Paula!), sie hat gerade eine Krise durchgestanden. So fing es an mit „Inside Berlin”.

„Mir hatten einige Veränderungen ganz schön zu schaffen gemacht”, sagt die 37-Jährige. Ins Detail möchte sie nicht gehen. Aber es seien existenzielle Fragen gewesen, die plötzlich an ihr genagt hätten. „Ich war gewissermaßen auf der Suche nach mir selbst. Und es hat gedauert, bis ich erkannt habe, dass ich die Antworten nicht da draußen finde, sondern in mir selbst”, sagt Eibisch.

Aus dieser Zeit des Suchens und Grübelns, das hatte sie beschlossen, wollte sie jetzt etwas Schönes machen: und zwar einen Tanz. „Anfangs war es nur eine kleine Idee”, sagt Eibisch. Dann habe sie mit Freunden darüber gesprochen und die Idee wuchs und wuchs.

Sie, der Regisseur und der Kameramann unterwegs

Eine Freundin hilft bei der Choreografie. Der Pianist mit dem Klavier auf Rollen, dessen Straßenkonzerte sie so gern hört, steuert eine Komposition bei. Und auch Filmemacher Malte Wirtz ist sofort Feuer und Flamme, dem Tanz – was eine sehr flüchtige Kunst ist – mit einem Video mehr Haltbarkeit zu verpassen. „Und so haben wir an einem ungewöhnlich kühlen und stürmischen Abend dieses heißen Sommers mitten in Berlin einen Film gedreht.”

Wirtz bringt noch einen Kameramann mit. Zu dritt ziehen sie um die Häuser. Sie drehen an vielen Plätzen, schönen wie schmuddeligen. Bei einem hat irgendwer mit weißer Farbe „Tanz den Untergang mit mir” auf den Asphalt gepinselt. So gut wie überall müssen sie erst mal Scherben wegfegen. Denn Eibisch will barfuß tanzen.

Die Klaviermusik kommt aus der Boombox und Eibisch muss sich schwer überwinden, in aller Öffentlichkeit aus der Reihe zu tanzen. „Wir Deutschen sind schon etwas verklemmt, wenn es um Tanzen geht”, findet sie.

„So sind sie halt, die Berliner”

Im Film sieht man sie an der Spree schwanken und ein Rad auf einer Kreuzung schlagen. Anfangs wirkt sie kolossal fehl am Platz wie hingebeamt von einem anderen Planeten. Einige Passanten gaffen, die meisten schwärmen vorbei, ohne Notiz davon zu nehmen, dass da eine Frau über den Asphalt kullert. So geht Einsamkeit inmitten von Menschen.

„So sind sie halt, die Berliner”, sagt Eibisch. „Hier macht dauernd irgendwer irgendwas Verrücktes.” Das stumpfe ab. Sie nimmt das den Berlinern nicht krumm. Für den Film war es perfekt. „Wer weiß, was im kleinen, familiären Marburg passiert wäre. Wahrscheinlich hätte ich mich dort gar nicht getraut, so auf der Straße zu tanzen.”

Eibisch ist in Bauerbach groß geworden. Als Schülerin spielte sie mit dem Gedanken, Journalistin zu werden. Sie machte Praktika bei OP und Geo. Nach dem Politik-Studium stieg sie dann aber bei einer Internetagentur ein. Dann bekam sie zwei Kinder, und Beruf und Familie schlecht unter einen Hut.

Video bereits tausendfach geklickt

Heute arbeitet sie an einer Schule. Sie hilft Kindern mit Integrationsstatus. Wahrscheinlich ist es nicht ihr letzter Job. Denn da gibt es noch das Tanzen. Mit vier Jahren fing sie damit an. Noch heute ist es ihr liebstes Hobby. Drei Mal pro Woche trainiert sie im Studio, ab und zu auch im Wohnzimmer. Eigentlich war ihr das Tanzen immer zu sehr eine Herzensangelegenheit, als dass sie damit Geld verdienen wollte. Dienst ist schließlich Dienst und Tanz ist Tanz. Doch die Grenze könnte sich jetzt verschieben.

Ihr Tanz-Video wurde seit Veröffentlichung tausendfach geklickt. Eibisch und Wirtz wollen es bei internationalen Tanzfilm-Festivals einreichen. Danach sei es leichter, Mittel für neue Projekte zu gewinnen, sagt Eibisch. Eines hat sie schon im Kopf. Es geht ums Retten der Weltmeere. Getanzt wird natürlich auch.

Den Tanzfilm „Inside Berlin“ gibt es im Internet hier zu sehen. Mitgewirkt haben Tänzerin Christina Eibisch, Tanzlehrerin Carolin Böttner, Filmemacher Malte Wirtz (alles gebürtige Marburger), Kameramann André Groth und Pianist Nicholas Bamberger.

von Friederike Heitz

Eine von hier

Name: Christina Eibisch
Geboren: 7. September 1981
Wohnort: Berlin
Beziehungsstatus: verheiratet, zwei Kinder
Aufgewachsen in: Bauerbach
Schule: Martin-Luther-Schule
Studium: Politikwissenschaften
Was macht sie jetzt? Schulhelferin
Kommt sie noch vorbei? Auf jeden Fall. Wegen alter Freunde, schöner Kneipen und wegen des Walds.
O-Ton: “Egal was passiert, ich tanze weiter.”