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Marburg Eine spricht - Einhundert schweigen
Marburg Eine spricht - Einhundert schweigen
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08:09 12.07.2012
Quelle: Philipps-Universität
Marburg

Es ist eine bedrückende Stille, die sich im Hörsaal breit gemacht hat. Draußen brennt die Sonne, drinnen nur vereinzelte Lämpchen. Dämmerlicht. Mehr als einhundert Studierende haben sich in den Hörsaal gedrängt. Es ist eng. Und doch bleiben die ersten Reihen vorerst leer. Vielleicht aus Respekt. Vielleicht aus Angst. Gesprochen wird ausschließlich im Flüsterton. Als könnte ein lautes Wort sie verletzten, ihr noch etwas anhaben. „Sie“, das ist Maria Langstroff. 25 Jahre alt, aufstrebende Jungautorin. Platz 20 auf der Spiegelbestsellerliste. Lehramts-Studentin, Visionärin, Kämpferin. Maria Langstroff ist noch vieles mehr. Todkrank beispielsweise. Schwerstbehindert durch eine seltene Muskelerkrankung und seit zwei Jahren ans Bett gefesselt. Nebenbei noch willensstark, unglaublich wütend und noch lange nicht bereit zu gehen. Und erst recht nicht bereit, ihr Schicksal, ihre Erfahrungen, die sie als Behinderte in der Gesellschaft gemacht hat, in eine bequeme Wahrheit zu verpacken.

Im Gegenteil: sie will unbequem sein, wachrütteln, aufmerksam machen auf die Diskriminierungen, die Menschen mit Behinderung tagtäglich erfahren müssen. Für die Lesung aus ihrem Buch „Mundtot“, die sie im Rahmen des Seminars „Leben mit Behinderungen - Analyse autobiografischer Texte“ am Dienstagnachmittag im Hörsaalgebäude hält, hat sie in den vergangenen Wochen all ihre Kraft gesammelt. Seit zwei Jahren hat sie das Pflegeheim in Gießen nicht mehr verlassen. Hat auf ihrer Haut keinen Sommer, Herbst, Winter oder Frühling gespürt. Stattdessen: 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr leben auf einer Bettlänge. In einem abgedunkelten Raum. Halswirbelabwärts gelähmt. Ernährt durch eine Magensonde. Der Alltag ihrer Kommilitonen: Leben. Ihr Alltag: Um ihr Leben kämpfen.

Ja, die Stimmung im Hörsaal ist bedrückt. Eine neue, eine ungewohnte Situation für die Studenten. Gleich werden sie eine Kommilitonin sehen, für die nichts im Leben mehr selbstverständlich ist. Eine von ihnen. Ähnliches Alter, ähnliche Träume - und doch eine ganz andere Lebensgeschichte. Die Tür zum Vorlesungssaal öffnet sich. Ein Sanitäter ist zu sehen. Hinter ihm: das Ungetüm an Krankenbett. Schläuche hängen herab, Messgeräte piepen. Eine zweite Sanitäterin schiebt, ein Notarzt hält sich dezent im Hintergrund. Im Bett: Maria Langstroff. Im Hörsaal: Stille. Geschockte Stille. Der Anblick einer Einzigen verunsichert Alle.

Mit ihrer rechten Hand, zieht sich die 25-Jährige das Mikrofon an den Mund. „Geht gleich los“, verkündet sie gut gelaunt. Mit fester, erwartungsvoller Stimme. Eine Stimme, die nicht zum Rest ihres Körpers passen will.

Ein Raunen geht durch die Sitzreihen, dann zögerlicher Applaus. „Geht gleich los.“ Und es geht los. Mit einer Lesung, die ungewöhnlicher kaum sein könnte. Da liegt sie, die junge Autorin. Körperlich schwach und doch so stark. Und da sitzen sie, ihre Kommilitonen. Innerlich aufgewühlt, äußerlich ganz ruhig.

So ruhig, dass jedes Rascheln, jedes laute Atmen zu hören ist. Und erst recht die klaren Worte von Maria Langstroff, die schonungslos aus ihrem Leben erzählt. Davon, wie es ist, mit der Diagnose „unheilbar krank“ konfrontiert zu werden. Davon, wie es ist, sich jeden Tag aufs Neue Beleidigungen und absichtlichen oder unabsichtlichen Diskriminierungen auszusetzen. Davon, wie sie „Mundtot“ wurde. Davon, wie sie ihre Stärke wiederfand. Die Wut auf die Gesellschaft blieb. Eine Gesellschaft, in der „anders sein“ ausgegrenzt sein bedeutet. „Das ist eine unfassbare Leistung. Diese Frau ist beeindruckend. Unglaublich“, sagt ihr Verleger, Oliver Schwarzkopf, der im Laufe des letzten Monate auch ein Freund geworden ist. „Sie hat mich geplättet. Ihre Kraft ist bewundernswert“, wird eine Studierende kurz nach der Lesung sagen.

Stärke, Kraft, Mut - das alles sind Worte, die Maria Langstroff schon häufig gehört hat. Aber sie weiß auch, dass Stärke, Kraft und Mut manchmal einfach wieder verschwinden. Nachts. Dann, wenn sie wieder allein in ihrem Zimmer liegt. Ein Krankheitsschub sie einschränkt, ihr am Leben gerissen wird. Dann bekommt sie wieder Angst, dass die Zeit nicht reicht. Nicht mehr genug Leben da ist, um ihre Nachricht weiter zu verbreiten. „Alle Menschen sollten in die Gesellschaft integriert und akzeptiert werden. Das ist alles.“

So einfach die Botschaft. So weit noch der Weg. Das weiß auch Maria Langstroff. Deshalb hat sie zahlreiche Projekte noch in der Planung. Will angehende Pflegekräfte für die Arbeit mit behinderten Menschen sensibilisieren, mit Schülern über ihre Erfahrungen sprechen. Und das, obwohl sie auch in Zukunft ihr Zimmer in dem Gießener Pflegeheim nur in absoluten Ausnahmefällen verlassen wird. Die moderne Technik kann helfen: Via Skype-Schaltung ins Klassenzimmer.

Mutter Jutta Langstroff sitzt im Publikum. Stolz. Und in Sorge. So, wie es Mütter nun mal sind, die Angst um ihre Kinder haben. Angst, Maria könnte sich und ihrem Körper zu viel zumuten. Auch sie hat die Demütigungen erlebt. Musste mit ansehen, wie aus ihrer einst so starken Tochter ein in sich gekehrter Mensch wurde. „Das, was uns manchmal widerfahren ist, ist der Hammer“, sagt sie noch immer kopfschüttelnd.

Die Lesung - nach einer Stunde beendet. Die Fragerunde beginnt. „Woher nimmst du die Kraft?“ fragt eine Studentin. „Nachdem ich in einem Tief war, habe ich beschlossen, dass ich lieber ein Kämpfer werde“, erwiderte die 25-Jährige.

„Heute habe ich meine Sprache wiedergefunden. Heute spreche ich Tacheles - das Schweigen hat mich nur noch mehr krank gemacht“, erklärt Maria Langstroff. „Heute lebe ich im Hier und Jetzt“. Das „Hier und Jetzt“ im Hörsaal bedeutet tosenden Applaus der Zuhörer für die Kämpferin Maria Langstroff. Und die Gewissheit: sie hat und wird noch etwas bewegen, die Gesellschaft verändern.

von Marie Lisa Schulz