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Marburg Mutterglück mit Nebenwirkungen
Marburg Mutterglück mit Nebenwirkungen
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00:18 03.03.2019
Eine Schwangerschaft ist immer mit Veränderungen verbunden. Grunderkrankungen können durch diese positiv oder negativ beeinflusst werden. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Melanie Wagner ist schwanger. Der errechnete Geburtstermin von ihrem Sohn ist Ende März. Die zierliche 27-Jährige darf sich seit Monaten nicht mehr bücken, spazieren gehen oder lange einkaufen. „Mein Gebärmutterhals ist verkürzt. Ich muss mich schonen, ansonsten könnte das Kind zu früh kommen“, erklärt sie. Ihr Sohn ist schon sehr groß, 30 Zentimeter hat der Frauenarzt gemessen. „Er liegt bereits am Brustkorb“, weiß die Produktionshelferin.
Seit Jahresbeginn kann sie nicht mehr arbeiten gehen, war bis zum fünften Monat ständig müde, ihr niedriger Blutdruck tat sein übriges. „In der Schwangerschaft gibt es immer Ausschläge in beide Richtungen“, erklärt Dr. Siegmund Köhler, Leiter der Geburtshilfe am UKGM.

„Grunderkrankungen können sich positiv verändern, sie können sich aber auch verschlechtern“, ­berichtet er aus der Praxis und meint damit beispielsweise die Entwicklungen des Blutdrucks, Veränderungen der Psyche und des Stoffwechsels: „Haare können ausfallen, sie können aber auch gesünder werden. Niedriger Blutdruck kann bis in den Normalbereich steigen, es kann sich aber auch Bluthochdruck entwickeln, oder er fällt noch weiter ab.“ Gleiches gilt auch für die Psyche. Frauen mit psychologischen Beeinträchtigungen geht es oft besser in der Schwangerschaft, da sie mehr fokussiert sind. Probleme tauchen dann eher nach der Entbindung auf, weil die Ängste wieder zunehmen oder sogar neue hinzu­kommen. Ähnlich kann es auch bei Epilepsie verlaufen. Sie kann für den Zeitraum der Schwangerschaft komplett verschwinden, sie kann sich aber auch verschlechtern.

"Dr. Google" verunsichert eher als zu helfen

Für Siegmund Köhler wird auch das Internet immer mehr zum Problem für die schwangeren Frauen. „Dr. Google verunsichert oft mehr, als das er wirklich hilft“, hat er festgestellt. Frauen können sich immer und überall über das kleinste Ziehen im Rücken informieren und verfallen dann nicht selten in Panik. „Die Informationsflut, die Informationswut und die Informationsmöglichkeiten üben einen enormen gesellschaftlichen Druck auf die Frauen aus“, sagt der Gynäkologe besorgt und ergänzt: „Es wird einem mehr und mehr suggeriert, dass nur die gute Eltern sind, die die besten Windeln, den besten Bobbycar oder den neuesten ­Windeltwister haben. Das zu praktizieren und zu strukturieren setzt Paare und vor allem die Frauen unter Druck.“ Gerade wenn dann was aus dem Ruder läuft, so stellt Siegmund Köhler immer wieder fest, reagieren viele werdende Eltern verängstigt, weil sie überfordert sind.

„Natürlich ändert sich auf allen Ebenen des täglichen Lebens viel mit der Schwangerschaft, und das sollte jedem bewusst sein“, so der Doktor. Nicht umsonst hieß es früher: Jedes Kind kostet einen Zahn. ­Heute wird der Kaliziumentzug natürlich besser ausgeglichen als früher, so dass der Zahnverlust mittlerweile vermieden werden kann. „Aber die ­Veränderungen im Körper sollte man schon ernst nehmen und nicht einfach weg wischen.“

Bei jeder Schwangerschaft gibt es Begleiterscheinungen, positive und negative, sagt Dr. Siegmund Köhler, Leiter der Geburtshilfe am UKGM. Foto: Ruthsatz

Als Beispiel führt er die Gewichtszunahme an. Bei den meisten Frauen können das bis zu 20 Kilogramm inklusive Kind sein. Aber wenn das Baby dann auf der Welt ist, dann sind diese Kilos nicht automatisch auch weg. „Die Flüssigkeit ist ins Gewebe gegangen. Dicke Beine, ­dicke Finger sind dann das Resultat. Der Abbau kann sich bis zu sechs Wochen hinziehen“, ­erklärt Siegmund Köhler und verweist in diesem Zusammenhang noch einmal auf das Wochenbett. „In dieser Zeit sind die Frauen extrem sensibel.“ Eine weitere häufige Begleiterscheinung ist der Gestationsdiabetes, mit dem beispielsweise auch Melanie Wagner zu kämpfen hat. Sie musste nach der Diagnose mehr auf ihr Essen achten, muss aber noch keine Medikamente nehmen. In der Schwangerschaft verändert sich das Verhältnis zwischen Insulinproduktion und -bedarf im Körper der Mutter. Der Bedarf an Insulin übersteigt in manchen Fällen die Produktion. „Das sorgt für den Schwangerschaftsdiabetes, der sich später auch zum Alterszucker entwickeln kann“, erklärt Siegmund Köhler. Behandelt werden kann mit angepasster Ernährung, Bewegung und später dann mit Insulinspritzen.

Gut einen Monat hat ­Melanie Wagner noch bis zur geplanten Geburt. Sie ist voller Vorfreude, auch wenn mittlerweile jeder Gang schwer fällt. Sie hat einen guten Draht zu ihrer Hebamme, lässt alles auf sich zukommen. Das rät auch Siegmund Köhler den Schwangeren, die er betreut: „Sie kriegen das Kind und nicht die Familienangehörigen. Es ist ihr Kind“, sagt er oft. „Sich aktiv frei machen von äußeren Zwängen, die die Schwangere zwar wohlgemeint erreichen, die sie aber nicht alle umsetzen muss. Wir wollen den bestmöglichen Start: eine gesunde Mutter, ein gesundes Kind und eine gute Geburt. Eine Perfektion, wie es uns die Werbung oder Medien vorspiegeln, gibt es jedoch nicht“, betont der Gynäkologe. Oft muss er mehr die überforderte Mutter behandeln als das ungeborene Kind. Das ist meist robuster.

von Katja Peters