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Marburg Einblicke in einen Aufsteigerberuf
Marburg Einblicke in einen Aufsteigerberuf
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07:02 23.04.2018
Diese Abbildung zeigt eine Apotheke im 19. Jahrhundert.  Quelle: Bildarchiv Institut für Pharmaziegeschichte der Uni Marburg
Marburg

Pharmaziehistorische Museen lassen das Fluidum der Apotheken von einst und jetzt anhand von Einrichtungsgegenständen, Arbeitsgeräten, Apothekengefäßen, Arzneimitteln oder historischen Büchern erahnen.

Doch noch viel unmittelbarer und persönlicher wird das Leben in der Apotheke in den Apotheker-Autobiographien deutlich, meint der Marburger Pharmaziehistoriker Professor Christoph Friedrich. Er hat jetzt bereits einen dritten Band veröffentlicht, in dem er ausgewählte Apotheker-Autobiographien aus der Zeit zwischen dem 18. und dem 21. Jahrhundert Revue passieren lässt.

„Die Apotheke von innen gesehen: Apothekerautobiographien aus zwei Jahrhunderten“: So lautete der Titel des ersten Bandes. Im zweiten Band beschäftigte sich Friedrich unter dem Titel „Apotheker erinnern sich“ auch mit einigen berühmten Apothekern wie Theodor Fontane, der vor allem als Schriftsteller Karriere machte. Der dritte Band (siehe Artikel unten) erschien jetzt ebenfalls im Govi-Verlag Eschborn. 

Dass Apotheker wie Ärzte oder Wissenschaftler anderer Disziplinen zu den Verfassern solcher Berufs- oder Gelehrtenbiographien zählen, ist aus Friedrichs Sicht nichts Ungewöhnliches. Besonders im 18. und 19. Jahrhundert seien die Apotheker die Vertreter eines typischen „Aufsteigerberufs“ gewesen.

Die Profession des Apothekers galt damals sogar als eine Art „Keimzelle naturwissenschaftlicher Berufe“. Mit selbständigen Studien zur Chemie, Botanik oder Mineralogie hätten sich naturwissenschaftlich interessierte Apotheker bemüht, ihren Beruf aus seiner handwerklichen Beschränktheit zu befreien, erläutert Professor Friedrich.

Besonders unter diesen wissenschaftlich tätigen Pharmazeuten finden sich Verfasser erster Autobiographien. Gemeinsamer Nenner all dieser Texte sei der Blick in die Apotheke, der von den Verfassern gewährt werde. „All dies wird lebendig geschildert, und wir haben das Gefühl, selbst die Apotheken zu betreten“, meint Friedrich.

Dieser Weg werde so zu einem „historischen Lehrpfad durch die Pharmaziegeschichte“. Gezeigt wird beispielsweise auch der Wandel in der Ausbildung des Apothekers, der im nun aktuell vorliegenden dritten Band im Vordergrund steht. Am Anfang war Apotheker ein rein handwerklicher Lehrberuf, eine Art „pharmazeutische Praktikantenzeit“, die noch lange dem eigentlichen Studium vorangeschaltet blieb.

Breite Ausbildung

Dabei hätten die Apotheker-Lehrlinge ihr technisches Handwerkszeug wie das Drehen von Pillen oder das Herstellen von Salben und Tinkturen bereits vorab in der Apotheke gelernt.
Erst später sei dann an der Universität der theoretische Überbau hinzugekommen, erläutert Friedrich.

Das hat sich mittlerweile grundlegend geändert. Heutzutage haben die meisten Pharmaziestudenten am Beginn ihres Studiums noch keine Apotheke von innen gesehen und erlernen erst später die Grundlagen der Medikamentherstellung.

„Der Apotheker war früher vorwiegend ein Arzneimittelhersteller“, erklärt der Marburger Pharmaziehistoriker. Heute sei er vor allem als eine Art Kommunikator für Patienten und Ärzte, die er über Arzneimittel informiere und berate. Es seien aber auch weitere neue Aufgaben hinzugekommen.

So müsse ein Apotheker beispielsweise mithilfe von ihm erstellter Medikationspläne vor allem die Wechselwirkungen der Medikamente bei einzelnen Patienten im Auge behalten. Unter anderen wegen Aufgaben wie diesen sei ein Aussterben des Apotheker-Berufs trotz des Booms der Internet-Apotheken nicht in Sicht, meint Friedrich.

Die breite naturwissenschaftliche Ausbildung der Apotheker beinhalte neben pharmazeutischen Fächern auch Chemie, Botanik, Physik und Mathematik sowie medizinische Fächer und juristische Vorlesungen. Zusammengenommen zeige dies die Vielseitigkeit des Berufsbildes.

von Manfred Hitzeroth

Zur Person

Der Marburger Professor Christoph Friedrich. Foto: Nadine Weigel

Professor Christoph Friedrich (64) stammt aus Salzwedel/Altmark. Von 1974 bis 1979 studierte er Pharmazie an der Universität Greifswald. Auch sein anschließendes Studium der Geschichtswissenschaften an derselben Hochschule schloss er mit dem Diplom ab. Nach der Promotion im Jahr 1983 mit einer pharmaziehistorischen Arbeit erfolgte 1987 seine Habilitation für Geschichte der Pharmazie.

Ab 1992 war Friedrich Professor und Leiter der Abteilung für Geschichte der Pharmazie an der Uni Greifswald. Seit dem Jahr 2000 ist er Professor für Geschichte der Pharmazie an der Universität Marburg und Direktor des einzigen Instituts für Geschichte der Pharmazie.

Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem die Geschichte der Pharmazie vom 18. bis 20. Jahrhundert, die Pharmazie in der NS-Zeit und der DDR sowie die Pharmazeutische Kulturgeschichte. In Lindau wurde er Anfang April mit der Johannes-Valentin-Medaille für sein Lebenswerk geehrt.