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Einander verstehen ohne Sprache

Iranisches Kindertheater in der Waggonhalle Einander verstehen ohne Sprache

Zum ersten Mal in ihrem Leben stehen die jungen Schauspieler im Alter von 9 bis 13 Jahren in Deutschland auf der Bühne. Ihr Theaterstück bleibt dabei bis auf kleine Ausnahmen in persischer Sprache. Trotzdem verstand das Publikum worum es ging.

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Regisseur Omid Niaz (oben Mitte) mit den kleinen Darstellern vom Nano Aroosak Theatre aus dem Iran auf der Waggonhallenbühne.Foto: Mareike Bader

Quelle: Mareike Bader

Marburg. Fünf Kinder spielen zusammen in der 24. Gasse. Ali will zeigen, dass er seinen Fußball bis auf den Mond schießen kann - es reicht allerdings nur bis zum Fenster von Frau Ashraf-Kanoom. Aber statt schimpfend herauszustürmen, passiert nichts. Hat der Fußball neben der Scheibe auch die Nachbarin getroffen? Ist sie jetzt tot? Was sollen die Kinder nur machen? Zusammen verstecken sie sich in den Ölfässern von Rezas Vater in der 25. Gasse und überlegen, was zu tun ist.

Dank der Off-Stimme, die auf Deutsch immer wieder das Geschehen zusammenfasste, war das Theaterstück „Das Geheimnis der 24. Gasse“ auch zu verstehen, wenn man kein persisch spricht. „Wenn wir gut spielen, dann verstehen uns die Leute“ sagte der kleine Ali bei der anschließenden Diskussionsrunde.

Allerdings saßen im Publikum auch sehr viele Zuschauer, die alles verstehen konnten und so half deren Reaktionen und Lacher das Gesprochene der Kinder besser einzuordnen. Hier und da waren auch kleine Sätze und Begriffe untergebracht. Der Nachbarschaftswärter, gespielt von Regisseur und Autor Omid Niaz, sprach fast immer auf Deutsch. Die Kinder hatten einfachere Begriffe wie „Meine Liebe“ oder „Nein, nein“.

Bei der Diskussionsrunde nach dem Theaterstück, bei dem viele der 120 Zuschauer blieben, entfachte eine wilde Debatte darüber, ob das Denken der Kinder realistisch sei oder nicht. Würde ein Kind in dem Alter wirklich an den möglichen Tod der Nachbarin denken? Omid Niaz erwiderte, dass Kinder sehr wohl solche Fantasien haben. Ein Mädchen aus dem Publikum pflichtete ihm bei und erzählte, dass sie am Anfang des Stückes den Kindern auf der Bühne absolut geglaubt habe, weil sie auch so ängstlich und durcheinander gewirkt hatten. Übersetzt wurde das Gespräch von Julie Leube von der KinderKulturKarawane aus Hamburg, die seit 13 Jahren solche Tourneen durch Europa organisieren.

Im Gespräch erläuterte der Autor Niaz auch, dass der Charakter der fünf Kinder absichtlich so gewählt wurde und auf die iranische Gesellschaft übertragen werden könne. So kommt Reza aus einer zerrissenen Familie und Ali aus einer religiösen Familie. Sahels Vater ist Polizist und so nimmt sie schnell das Ruder in die Hand und will die anderen herumkommandieren. Kiana hat eine blühende Fantasie, und Yalda, die eigentlich mit ihrer Familie zu einer Hochzeit fahren wollte, ist einfach nicht in der Lage die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Auch wenn man meint der Iran und Europa seien geografisch und kulturell weit voneinander entfernt, muss man zugeben, dass sich solche Charaktere auch hierzulande finden lassen. Ein gelungenes Stück, dessen Geschichte sich nicht nur auf den Iran beziehen muss.

von Mareike Bader

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