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Ein liebevoller Abschied vom Leben

Michael Hanekes Film "Liebe" Ein liebevoller Abschied vom Leben

„Bis dass der Tod euch scheidet“, heißt es oft so lapidar bei Eheversprechen. Was das bedeuten kann, zeigt Michael Hanekes anrührende Geschichte „Liebe.“

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Georges (Jean-Louis Trintignant) und Anna (Emmanuelle Riva) trotzen den Widrigkeiten ihrer Liebe.Foto: x-Verleih

Marburg. Einmal fragt die entnervte Tochter ihren Vater Georges, wie es denn nun weitergehen solle mit den Eltern. Georges antwortet ungerührt: „Es geht so weiter wie bisher. Bis es irgendwann zu Ende ist.“

Besser lässt es sich kaum sagen: Michael Hanekes „Liebe“ ist ein Film über das Ende, ein Film über das Sterben und das Abschiednehmen. Der österreichische Regisseur zeigt, wie zwei Menschen, die sich immer noch lieben, dieses bittere Finale durchstehen. Wie sie darum kämpfen, ihre Würde zu behalten, wenn einer von beiden nur noch aus der Schnabeltasse trinken kann und gewaschen und gewindelt werden muss. Wie es trotz allem noch verbindende, rührende Momente gibt und seien es die, die die beiden aus der Erinnerung in die Gegenwart herüberretten.

Mit „Liebe“ hat der Österreicher Michael Haneke im Mai die Goldene Palme in Cannes gewonnen. Es handelte sich um einen Start-Ziel-Sieg. Kaum jemand zweifelte an Hanekes Favoritenrolle - höchstens die, die darauf verwiesen, dass der Österreicher ja erst drei Jahre zuvor den Hauptpreis beim wichtigsten Filmfestival gewonnen hatte. „Das weiße Band“ war ein unbarmherziger Film über die sich ausbreitende autoritäre Mentalität in den Herzen und Köpfen Anfang des 20. Jahrhunderts, die später die psychologische Voraussetzung für den Faschismus bildete.

Aber genau darin lag ja die Überraschung: „Liebe“ ist ein ganz anderer Film, einer, wie man ihn von dem sonst so eiskalten, zuweilen auch zynischen Analytiker Haneke kaum erwartet hätte. In der scheinbaren Nüchternheit von „Liebe“ steckt viel Zärtlichkeit - und das Wissen darum, dass das, was Georges (Jean-Louis Trintignant) und Anna (Emmanuelle Riva) in diesem Film widerfährt, jedem von uns widerfahren wird. So oder anders. Früher oder später.

Annas erster Schlaganfall war leicht, kaum mehr als ein Aussetzer beim Frühstück, eine vorübergehende Unpässlichkeit. Kurz darauf schalt sie ihren Mann schon wieder wegen seiner vermeintlichen Überbesorgtheit. Doch dann folgt ein zweiter Anfall. Nun ist Anna bettlägerig und halbseitig gelähmt, kann kaum sprechen. Georges pflegt sie in einer Altbauwohnung, die über mehr als zwei Stunden der einzige Schauplatz dieses Films ist und die so aussieht wie viele Wohnungen alter Ehepaare. Die Tapeten sind ein wenig vergilbt, das Holz der Möbel ist stumpf. Ein ganzes Leben steckt in dieser Wohnung, in der sich Bücher, Kunstkataloge und Schallplatten stapeln.

Anna und Georges sind zweifellos ein kultiviertes Ehepaar, Musikprofessoren in Ruhestand.

Eine lebenslange Liebe stößt an ihre Grenzen

Aber was hilft alle Kultur in einer solchen Situation? Wenn die Kraft nicht reicht und die Tochter (Isabelle Huppert) nur das Krankenhaus als Alternative weiß, das für Anna nie eine war? Da wolle sie nicht hin, hat sie zu Georges gesagt. Er hat es ihr versprochen, und er wird sein Versprechen halten bis er selbst die Grenzen seiner Kraft erreicht hat.

Die Unnachgiebigkeit, mit der der Regisseur auf das Ende zusteuert, macht „Liebe“ zu einem beeindruckenden Film. Noch beeindruckender aber wird er durch die beiden Hauptdarsteller, die hier im hohen Alter ihr Leinwand-Comeback feiern. Emmanuelle Riva (85) war die verführerische Frau in Alain Resnais. „Hiroshima mon Amour“ (1959), Jean-Louis Trintignant (81) vor einem knappen halben Jahrhundert einer der begehrtesten Darsteller des europäischen Kinos („Und immer lockt das Weib“).

Haneke hat ein schwieriges Thema in eine anrührende Geschichte verwandelt.

„Liebe“ läuft in der Kammer.

von Stefan Stosch

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