Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Ein herzzerreißendes Meisterwerk aus Belgien
Marburg Ein herzzerreißendes Meisterwerk aus Belgien
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:53 25.04.2012
Thomas Doret und Cécile de France spielen grandios eine zutiefst traurige Geschichte. Quelle: Alamode Film
Marburg

Schon im vergangenen Jahr räumte der Film in Cannes den Großen Preis der Jury ab, im Dezember 2011 gab es den Europäischen Filmpreis für das beste Drehbuch. „Der Junge mit dem Fahrrad“, die neue Arbeit der belgischen Regie-Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, ist ein ebenso warmherziges wie herzzerreißendes Meisterwerk geworden.

Der Film erzählt die Geschichte des elfjährigen Jungen Cyril (Thomas Doret), der von seinem Vater in ein Heim gesteckt wird - mit dem Versprechen, er werde ihn wieder abholen. Doch der Vater kommt nicht zurück. Als Cyril vor seinem ehemaligen Zuhause steht, muss er feststellen, dass sein Vater fortgezogen ist, ohne ihm zu sagen wohin. Cyrils geliebtes Fahrrad hat er an einen Nachbarn verkauft.

Die Friseuse Samantha (Cécile de France), die auf den Jungen aufmerksam und schließlich zu seiner Ersatzmutter wird, kauft es für ihn zurück. Fortan ist es seine einzige Verbindung zu der Familie, die er einst hatte. Auf der Suche nach seinem Vater, auf der Suche nach Geborgenheit, fährt er rastlos damit umher.

Cyrils Schicksal basiert auf einer wahren Geschichte. „Die Figur von Cyril entspringt der Realität“, sagt Jean-Pierre Dardenne. Als die Brüder ihren Film „Der Sohn“ 2002 in Japan zeigten, lernten sie eine Jugendrichterin kennen, die ihnen von einem Jungen erzählte, der von seinem Vater in ein Waisenhaus gesteckt wurde. „Er sagte, er komme zurück, um ihn zu holen. Aber er kam nie.“

Im Film will Cyril zunächst nicht wahr haben, dass sein Vater ihn verlassen hat. Erst als er ihn findet und die Kälte spürt, die der ihm entgegenbringt, wird er vom Schmerz überwältigt. Weinend zerkratzt der Junge seine Wangen. Die Tränen haben sich tief in sein Gesicht, die Trauer hat sich in seine Seele eingebrannt.

Es sind Szenen wie diese, die aus der brillant erzählten Geschichte einen hervorragenden Film machen. Der junge Hauptdarsteller Doret spielt den vom Schmerz überwältigten Jungen auf der Suche nach Zuneigung und Geborgenheit mit unglaublicher Intensität. Auch das Zusammenspiel mit Cécile de France als Ersatzmutter Samantha rührt zu Tränen.

Die beiden einsamen Seelen nähern sich immer weiter an - müssen die neue Nähe aber erst lernen. Samantha kann nicht verhindern, dass Cyril auf der Suche nach Geborgenheit falsch abbiegt und auf de schiefe Bahn gerät.

„Es ist kein trauriger Film - er ist optimistisch“, betont Luc Dardenne. „Er bricht Ihnen das Herz? Gut! Für Optimismus muss man erst die Traurigkeit kennengelernt haben.“

Der Film läuft in der Palette am Steinweg

von Britta Schultejans