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Ein Weg, der Menschen verändert

Drei Monate auf dem Jakobsweg Ein Weg, der Menschen verändert

Mit dem Buch „Von Kap zu Kap“ des heimischen Autors Peter Gerlach startet die OP heute in ihren Lesesommer. Jeden Tag stellen wir Ihnen ein Buch vor, für Balkon und Terrasse ebenso wie für Strand und Berge.

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Peter Gerlach in den weiten, sonnendurchglühten Landschaften Nordspaniens: 2 800 Kilometer ist der Hinterländer auf dem Jakobsweg gelaufen – von seiner Haustür bis zum Kap Finisterre.Privatfoto

Marburg. Der Jakobsweg, ein uralter Pilgerweg, ist heute fast so populär wie im Mittelalter. Jahr für Jahr pilgern abertausende Menschen den Weg zum angeblichen Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela. Manche nehmen ihn sportlich, manche, um Krisen zu überwinden, die meisten aber wohl, um zu sich zu finden, in einer immer schneller werdenden Zeit, in einer Zeit, in der sich Menschen zunehmend als Getriebene empfinden.

Zu sich finden wollte auch der Hommertshäuser Peter Gerlach, als er 2009 zum ersten Mal den spanischen Teil des Camino de Santiago ging, wie er in Spanien heißt. Die Ehe habe gekriselt, als Geschäftsführer und Inhaber des erfolgreichen Spielplatzherstellers Sport-Gerlach sei er kurz vor dem Burnout gewesen, sagt er im Gespräch mit der OP. 800 Kilometer und vier Wochen hatte er Zeit, eine Entscheidung über sein Leben zu treffen.

Peter Gerlach, damals 49 Jahre alt, hat eine Entscheidung getroffen. Er hat sich von seiner Frau getrennt, die Tochter und der Sohn blieben bei ihm. Und er hat nach 29 Jahren sein Unternehmen verkauft und für die 30 Mitarbeiter neue Stellen gesucht. Peter Gerlach hat sein Leben umgekrempelt, neu angefangen. Der Weg hatte ihn verändert.

Damals hat Peter Gerlach gelobt: Wenn alles gutgeht, gehe ich den Weg noch einmal, dann die ganze Strecke.

Es ist gutgegangen für ihn. 2011 hat er wieder seinen Rucksack gepackt und sich wieder auf den Weg gemacht, diesmal auf den ganz langen von seiner Haustür in Hommertshausen bis zum Kap Finisterre am Ende der Welt. „Du bist verrückt“, haben ihm Freunde und Kollegen gesagt.

Er hat sich nicht abschrecken lassen. 2800 Kilometer ist er gelaufen, dreieinhalb Monate hat er gebraucht und acht Kilo abgenommen - „die hab‘ ich aber wieder drauf“, sagt er lachend.

Jeder, der den Weg geht, hat sein Päckchen zu tragen

Peter Gerlach hat ein Buch über diese Pilgerreise geschrieben - „Von Kap zu Kap“. Der Zufall wollte es so, denn die Straße in der er wohnt, heißt Zum Kap.

52 Jahre alt ist Peter Gerlach heute. Ein kräftiger Mann mit Bart. Er trägt Freizeitkleidung, ein T-Shirt, weite Hosen, Armreifen aus Leder. Er wirkt entspannt, lacht viel, plaudert angeregt, so als wäre er mit sich und seinem Leben im Reinen. Das ist etwas, was nicht jeder von sich sagen kann.

Der Weg führte ihn über den Elisabethpfad Richtung Köln, dann die Mosel entlang Richtung Frankreich. Kurz unterbrochen hat er seine Pilgertour für die Konfirmation seines Sohnes.

„Die Pilgerpfad-Infrastruktur in Deutschland und im Norden Frankreichs ist schlecht“, sagt Gerlach. Er schlief in Pensionen, bei gastfreundlichen Menschen und oft im Freien. In Frankreich gerne auf Friedhöfen. Da sei es schön ruhig, es gebe Kapellen, in denen er bei Regen geschützt gewesen sei. Und für Frankreich habe er ein Empfehlungsschreiben seines Pfarrers dabei gehabt, das ihm manche Tür geöffnet habe.

War er in Frankreich viel alleine unterwegs, so änderte sich dies auf dem spanischen Teil des Jakobswegs. „Richtig voll wird es auf den letzten 200 Kilometern“, erinnert sich Gerlach. „Da ist es fast wie beim Volkswandertag.“

Geblieben sind ihm unglaublich viele Erinnerungen. Und er hat neue Freundschaften geknüpft zu Pilgern, die er unterwegs getroffen hat. „Man trifft Fremde und wird zu Freunden“, sagt Gerlach. „Jeder, der den Weg geht, hat sein Päckchen zu tragen und man tauscht sich aus.“

Menschen aus 88 Nationen habe er getroffen auf seiner langen Tour. „Aus Europa natürlich, aber auch aus Japan, Grönland, Chile und Nordamerika“, wie den 74-jährigen Joe oder die Familie mit vier Kindern, wovon das jüngste 13 Monate alt war.

Bis heute pflegt er diese Kontakte, trifft die Weggefährten regelmäßig, reist zu einem Konzert nach Mailand, wo eine Freundin in einer berühmten Kirche gesungen hat.

In seinem Buch hat er alles niedergeschrieben, erzählt aus seinem Leben, erzählt von den Hochs und den Tiefs, von Fußproblemen und einem Ermüdungsbruch und von unglaublich schönen Begegnungen und unerwarteter Hilfe.

von Uwe Badouin

Leseprobe aus „Von Kap zu Kap“

Verwandlung ist ein sanfter, ein auf Vertrauen beruhender Vorgang. Er braucht Zeit und einen achtbaren Umgang mit uns selbst, den Menschen, der Schöpfung und Gott. Pilgern ist die Zeit, sich verwandeln zu lassen (...).

Durch das Schreiben bin ich den ganzen Weg noch einmal gegangen. Auch wenn ich meine Bildervorträge jetzt in großen und kleinen Sälen präsentiere, zusammen mit meiner Musik, erlebe ich diese Reise zu mir selbst immer wieder neu. Das Gänsehaut-Feeling ist jedes mal wieder da. Ich war gewarnt durch meine ersten Pilgerreisen. Nichts ist wie vorher. Eine unglaubliche Leere, in die man direkt danach fällt... Meine Post, eine ganze Wanne voll, habe ich auf dem Postamt abgeholt. Sie stand zwei Wochen in meinem Büro, bis ich mich getraut habe, die ersten Briefe, Rechnungen, Mahnungen, Finanzamt-Mist und Anwalts-Dreck zu öffnen. In meinem E-Mail-Postfach warteten sage und schreibe 940 Nachrichten. Ich habe sie alle mit einem Klick gelöscht. Geht doch! Das hätte ich mich vor meiner Reise nicht getraut.

Einige meiner Pilger-Freunde habe ich wiedergetroffen. Mit den beiden Martins, Jan, Maja, Kirsten, Ali und Janine habe ich ein fantastisches Wochenende hier bei mir in Keltenhausen verbracht. Sogar Fibi kam aus Zürich angereist, wo sie einen neuen Job hat. Selbst Joanna ist 800 Kilometer mit dem Auto von Krakau aus Polen gekommen.

Peter Gerlach: „Von Kap zu Kap“, Books on Demand-Verlag, 231 Seiten, mit Abbildungen in Farbe, 16,90 Euro.

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