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Marburg Ein „Türöffner“ für Demenzkranke
Marburg Ein „Türöffner“ für Demenzkranke
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13:31 28.03.2018
Strahlende Gesichter: Tierheim-Hund Capi bringt Freude ins Altenheim St. Elisabeth. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Ein lockerer Stuhlkreis, neun Senioren sitzen entspannt im Aufenthaltsbereich beisammen, unterhalten sich, schwatzen, lachen miteinander. Immer wieder schweift der ein oder andere Blick in Richtung Flurtür. Die öffnet sich endlich und herein schwänzelt ein dunkler, quirliger Schatten.

Es ist „Capi“, ein rabenschwarzer Mischlingsrüde aus dem Tierheim. Der agile Hund, neun Jahre alt und mit nur einem Auge, erkundet sogleich die neue Umgebung und die vielen Menschen, die sich über seine Ankunft freuen. Aufmerksam stromert Capi zwischen den Stühlen umher, schnüffelt durch den kleinen Raum im Pflege- und Altenheim St. Elisabeth. Bällchen und Leckerlies werden ausgepackt, sogleich haben die Senioren die Aufmerksamkeit des gutmütigen Rüden.

„Capi komm mal her, ich hab da was für dich“, lockt Peter Staffa fröhlich. Der Mischling lässt sich nicht lange bitten, springt halb auf den Rollstuhl des Senioren und beginnt zufrieden zu kauen. Lachend krault der Bewohner den Vierbeiner hinter den Ohren. Er hatte früher selber Hunde, Pudel und Golden Retriever. „Das ist schön, so ein Hundebesuch“, findet der Tierfreund, „alleine wenn man ihm hier in die hübschen Augen schauen kann“, sagt er.

Tierheim sucht Sponsoren für Hundebesuche

Der tierische Besucher erobert die Herzen der Senioren im Sturm, selbst jener, die in ihrem Leben kaum Kontakt zu Hunden hatten. „Ich hatte früher nie Tiere, aber mit Capi ist es wunderbar, er ist so ein Lieber – man freut sich, wenn er sich so freut“, findet Elisabeth Zacke. Die 88 Jahre alte Bewohnerin freundet sich schnell mit dem charmanten Mischling an, der die Streicheleinheiten schleckend zurückgibt.

Einer nach dem anderen im Kreis wird ausgiebig begrüßt. An Capis Seite ist Hundebetreuerin Clara Seitter, die über sein aufgewecktes Wesen berichtet. Der fröhliche, ständig wedelnde Rüde bringt Leben in die Runde. Er weckt Erinnerungen, durch ihn entstehen Gespräche – die Bewohner berichten über ihre eigenen Hunde, die sie früher hatten.

So wie Margarete Neitzel: Die heute 95-Jährige züchtete früher einmal Rottweiler, später Dackel, war Jahrzehntelang immer von Hunden umgeben. Sie genießt den Besuch sichtlich. „Es ist eine schöne Abwechslung, die Möglichkeit für so einen Besuch finde ich ganz toll, er kann gerne jede Woche kommen“, sagt sie lachend.

Das wird Capi voraussichtlich auch - oder ein bis zwei seiner Tierheim-Kollegen. Sein Besuch ist Teil einer neuen Initiative des Tierheims, das regelmäßige Besuchstage mit Hunden vorsieht, erklärt Hermann Uchtmann, erster Vorsitzender des Vereins Tierheim. Dazu kommen Studierende als Betreuer, die quasi im Außendienst des Tierheims tätig sind, gemeinsam mit ausgewählten Hunden zu Besuch.

Die Hund-Mensch-Teams treffen jene Bewohner, die im Vorfeld Interesse bekundet hatten. Das Projekt soll erst einmal in Zusammenarbeit mit Seniorenheimen stattfinden, später eventuell auch in Kindergärten. Die Initiative ist Teil der Öffentlichkeitsarbeit des Tierheims, „wir wollen uns mehr in das öffentliche Bewusstsein bringen“, sagt Uchtmann. Problem dabei sei, dass es sehr viele Altenheime gebe, die eventuell mitmachen würden. Daher sucht das Tierheim Sponsoren, die die Hundebesuche finanzieren würden.

Die Initiative steht noch am Anfang, befindet sich quasi in der Schnupperphase zwischen Tier und Mensch, im wahrsten Sinne des Wortes. „Bisher wird es toll angenommen, immer mehr Bewohner zeigen Interesse, das macht ihnen einfach großen Spaß“, erzählt Heimleiterin Monika Ostler begeistert.

Das Ganze soll indes nicht nur einen unterhaltsamen, sondern auch einen gesundheitlichen Aspekt in der Mensch-Tier-Beziehung fördern. Ziel ist es, den Bewohnern eine Freude zu bereiten, jedoch auch jene Senioren zu erreichen, „die Schwierigkeiten mit Kommunikation haben“. Etwa demenzkranken Menschen eine Art Anstoß geben, sie aus ihrer Passivität holen.

Krankheitsbedingt können Demenzkranke mit der Zeit, wenn überhaupt, nur noch über Berührung kommunizieren: „Tiere können dabei Türöffner sein und bei Demenz helfen“, sagt Ostler.

Capi macht auch Besuch am Krankenbett

Das schafft Capi auf ganz natürliche Weise. Er nimmt ganz selbständig und unvoreingenommen Kontakt zu den Senioren auf, lockt auch stärker eingeschränkte Bewohner heraus aus ihrem Schneckenhaus und besticht mit seiner offenen Art.

Die viele Aufmerksamkeit, die vielen fremden Hände, die ihn so gerne streicheln wollen, scheinen den selbstbewussten Hund dabei nicht zu stören. Umgebung mit fremden Menschen und Trubel – das liegt nicht jedem Hund, das erfordert ein gelassenes, starkes Wesen und gutmütiges Verhalten. Nicht jeder Tierheim-Bewohner ist dafür geeignet, die Hunde werden ihrem Wesen nach für die Besuche ausgewählt.

„Für den Hund bedeutet das Stress, es ist aber auch eine Abwechslung, mal etwas anderes als Zwinger und Tierheim-Leben“, erklärt Seitter. Nach etwa einer Stunde ist der Besuch beendet, „es darf auch nicht zu viel werden für den Hund“, sagt die Studentin.

Einen Termin hat der Rüde aber noch – am Bett von Heinz Taube. Denn das kann der Bewohner seit einem Schlaganfall nur schwer verlassen. Daher kommen Hund und Betreuerin direkt zum Einzelbesuch ins Zimmer. Das kennt Capi schon, er springt nach Aufforderung auf das Bett und begrüßt den Senior. Mit etwas Hilfe kann der den quirligen Mischling streicheln.

Sprechen oder seine Gefühle anderweitig mitteilen kann der Senior nicht, dafür den Bewegungen seines tierischen Besuchers interessiert folgen. „Das bringt ihm unheimlich viel – man sieht das Strahlen in den Augen, die Freude über den Besuch“, sagt Ostler zufrieden.

von Ina Tannert