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Ein Stück Marburger Café-Geschichte

Die Rechnung bitte! Ein Stück Marburger Café-Geschichte

Eigentlich wollte Klaus-Dieter Spangenberg nur die Geschichte seiner Familie aufarbeiten. Am Ende steht ein Buch über ein Stück Marburger Caféhausgeschichte: „Die Rechnung bitte!“

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Fast 1.000 Plätze bot die Terrasse des Marburger Schlosscafés. Das Foto aus dem Jahr 1928 belegt: Es war ein beliebtes Ausflugsziel. Das rechte Foto zeigt den Autor Klaus-Dieter Spangenberg. Das Foto entstand im Traditionscafé Vetter, die Spangenberg-Tasse und das Silberkännchen  aus den 1920er Jahren hat der Autor für das Foto mitgebracht.  Die historischen Fotos stammen aus dem Buch „Die Rechnung bitte!"

Quelle: Uwe Badouin

Marburg. Als Carl Spangenberg 1905 das Café seines Schwiegervaters in der Bahnhofstraße 11 übernahm stieg der weitgereiste Konditormeister ganz groß ein ins Geschäft mit Kaffee und Kuchen. Nach der Modernisierung des Betriebs in der damals aufstrebenden Bahnhofstraße warb er mit Neuerungen wie einer „Dampf-Bäckerei mit elektrischem Betrieb“. Es war das Nonplusultra der Zeit. Dank der Technik war es möglich, „gleichmäßig und gut gekneteten Teig“ in „großen Teigmengen in kurzer Zeit“ herzustellen. Spezialitäten waren neben Torten und hausgemachtem Eis klassischer Zwieback, „hiesiges Weiß- und Schwarzbrot, englisches Kastenweißbrot und französisches Weißbrot“. Es gab sogar eine Dusche für die Mitarbeiter.

Marburg wuchs um die Wende zum 20. Jahrhundert. Im Norden der Stadt entstand zwischen Bahnhof und Ketzerbach gerade ein neues Stadtviertel mit großen Bürgerhäusern und Geschäften.

Das Café ging gut. So gut, dass Carl Spangenberg 1927 auch das zum 400-jährigen Universitätsjubiläum im „Behringschen Institut“ neu errichtete Schlosscafé mit einem riesigen Freibereich für gut 1.000 Gäste bewirtschaftete. Im zweiten Weltkrieg wurde das Café in der Bahnhofstraße zweimal von Bomben getroffen und brannte völlig aus. Die Familie hat es wieder aufgebaut. Bis in die 1970er Jahre hinein war das Café Spangenberg ein beliebter Treffpunkt in der Nordstadt. „Mit dem Umzug der Universitätskliniken auf die Lahnberge kam das Ende“, erinnert sich Klaus-Dieter Spangenberg. 1989 schloss die Familie ihr Traditionscafé. Doch nicht nur die Spangenbergs kapitulierten vor dem Strukturwandel: Die Buchhandlung Rasch gab ebenso auf wie das Musikhaus Neufeld, Feinkost Weber oder der Florist Roppel.

Seit 1990 hat Klaus-Dieter Spangenberg für sein Buch recherchiert - in der Unibibliothek, in Archiven, bei seinen Großeltern und Eltern und bei Zeitzeugen: Auf einen Aufruf in der OP hin meldeten sich 30 Frauen und Männer, die ihm mit ihren Anekdoten und Erinnerungen weitergeholfen haben.

In dem Buch handelt er vor allem die Familiengeschichte ab. Exkurse über die Entwicklung und den Niedergang der Nordstadt, über frühe Kundenwerbung und viele Anekdoten von ehemaligen Mitarbeitern und Kunden des Cafés runden das mit zahlreichen Fotos illustrierte Buch ab. „Obwohl Marburg damals viel kleiner war als heute, gab es mehr Cafés. Es war einfach eine andere Zeit mit einer anderen Lebenskultur“, sagt der 47-Jährige. „Es gab bis in die 60er Jahre hinein kaum Fernseher, die Menschen gingen mehr aus, in den Cafés wurden Konzerte, Lesungen, Tanzveranstaltungen angeboten.“ Der Wahlberliner Spangenberg ist angesichts der Campuspläne und der vielen Investitionen zuversichtlich, dass es mit der Nordstadt wieder aufwärts geht

Der Sozialarbeiter hat noch zwei weitere Bücher veröffentlicht: Eine Monografie über „Josef Block. Maler der Berliner und Münchner Secession“ und „Farbe, Licht und Leben: Kunsttherapie mit Senioren“.

Klaus-Dieter Spangenberg: „Die Rechnung bitte!. Damals im Café Spangenberg“,104 Seiten, 14,90 Euro; ISBN 978-3-00-036840-0.

von Uwe Badouin

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