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Marburg Die „Hansa Marburg“ auf hoher See
Marburg Die „Hansa Marburg“ auf hoher See
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19:31 28.04.2018
Das Containerschiff „Hansa Marburg“ gehört zur Flotte der Hamburger Reederei „Leonhardt & Blumberg“. Das 175 Meter lange Schiff pendelt zwischen Odessa (Ukraine) und Casablanca (Marokko).  Quelle: Leonhardt & Blumberg
Marburg

Als die Wahl-Hamburgerin einmal an der Elbe sitzt, fällt ihr ein Vollcontainerschiff auf, das gerade aus dem Hafen geschleppt wird: die „Hansa Marburg“.

Bei der 60-Jährigen setzt sofort das Kopfkino ein. Sie sieht den Marburger Oberbürgermeister vor sich, wie er das Schiff in der Hansestadt tauft – mit den Worten: „Du überirdisch schönes Vollcontainerschiff sollst ab heute den Namen ,Hansa Marburg‘ tragen.“ Corinna Linda muss bei der Vorstellung herzlich lachen. „Dann ballert er eine Flasche ,Taittinger‘ gegen das Schiff und ein großer Chor stimmt die Studentenhymne ‚Alt Marburg, wie bin ich Dir gut‘ an“, scherzt die Hamburgerin.

"Hansa Marburg" hat 24 Schwesterschiffe

Nein, die „Hansa Marburg“ kam nicht etwa auf diese Weise zu ihrem Namen. Das fand Corinna Linda dann schnell selbst heraus. Die nüchterne Antwort, die sie von der Reederei „Leonhardt & Blumberg“ erhielt, entsprach so gar nicht ihrer humorig-romantischen Fantasie von der Schiffstaufe mit Prominenz, Champagner und Chor. Denn die „Hansa Marburg“ ist nicht das einzige „Burg“-Schiff, das für die Hamburger Reederei mit ihren 1500 Beschäftigten und mehr als 40 Containerschiffen in internationalen Gewässern unterwegs ist.

Zur Flotte gehören 25 Containerschiffe mit „Burg“ im Namen. „Es gibt ja einige ,Burgs‘, so wussten wir, dass wir in dieser Kategorie von Schiffen nach und nach noch viele Namen zur Verfügung haben“, erklärt Frank Leonhardt, Inhaber der Reederei, im Gespräch mit der OP. So befindet sich die „Hansa Marburg“ unter anderem in Gesellschaft der „Salzburg“, „Offenburg“, „Rotenburg“, „Siegburg“. Alle gehören sie in die Kategorie 1700 TEU. Das heißt, diese Schiffe können um die 1700 Standardcontainer laden.

Damit ist die „Marburg“ ein vergleichsweise eher kleines Containerschiff. Ein gewaltiger Kahn ist sie trotzdem: 175 Meter lang, 27 Meter breit. Würde man zwei Fußballfelder aneinanderreihen, könnte man die „Hansa Marburg“ darauf abstellen. Sie kann bis zu 24 000 Tonnen laden. Das entspricht einem Gewicht von annähernd 5 000 ausgewachsenen afrikanischen Elefantenbullen.

Eine chinesische Werft baute das Schiff

Die „Hansa Marburg“ verfügt über zwei Kräne, hat einen Tiefgang von elf Metern, eine Motorenleistung von 16 000 kw und erreicht eine Geschwindigkeit von 19 Knoten. 20 Seeleute arbeiten auf dem Schiff. Gebaut wurde es von einer chinesischen Werft in Guangzhou nördlich von Hongkong. Im Januar 2007 wurde sie an „Leonhardt & Blumberg“ ausgeliefert. Sie fährt zurzeit unter luxemburgischer Flagge.

„Ein Vorteil ihres Namens – davon abgesehen, dass er an das schöne Marburg mit der Elisabethkirche, dem Schloss und der Lahn erinnert – ist, dass ,Marburg‘ international gut ausgesprochen werden kann“, findet Frank Leonhardt, der „vor langer, langer Zeit“ auch schon mal in der Stadt an der Lahn zu Gast war.

Die „Hansa Marburg“ transportiert vor allem Industriegüter. „Beispielsweise so etwas wie Computerteile aus Ostasien“, erläutert der Reederei-Inhaber. Dabei ist das Containerschiff aktuell ausschließlich im Mittelmeerraum unterwegs.

In Casablanca angekommen

Als international tätige Reederei bedient „Leonhardt & Blumberg“ zwar auch Asien, Südamerika und Afrika, „aber inzwischen werden für diese weiteren Wege größere Containerschiffe genutzt“. Die Fracht wird von einem großen französischen Unternehmen organisiert, mit dem die Hamburger zusammenarbeiten. Nach ihrer Fahrt durchs Mittelmeer von Malta aus ist die "Hansa Marburg" in diesen Tagen in Casablanca angekommen.

Unter den „Burg“-Schiffen ist die „Hansa Marburg“ also nur eines von vielen. Doch bleibt die Universitätsstadt Marburg für Corinna Linda (Privatfoto) immer etwas ganz Besonderes: Heimat eben. Noch immer, auch nach 28 Jahren in Hamburg. „Ich vergesse doch nicht meine hessischen Wurzeln, auch nicht meinen Dialekt, ich bin immer noch ein Cäppeler Mädche“, sagt die 60 Jährige, die die OP auf die „Hansa Marburg“ aufmerksam gemacht hatte.

Rote Wurst hilft gegen Heimweh

Auch nach all der Zeit unter Hamburgern hört man im Gespräch mit Corinna Linda noch immer heraus: Da spricht kein Nordlicht, sondern eine echte Hessin. Kein Wunder, sie hat ja auch viel Kontakt in die alte Heimat. Eltern, Verwandte – alle leben sie in Marburg, alle freuen sie sich, wenn wieder der Besuch aus der Freien und Hansestadt mit der Bahn anreist. „Ja, und wenn ich dann zurück muss, dann schlagen zwei Herzen in meiner Brust“, sagt die Privatbank-Angestellte, die „schon immer, schon als Kind“ in Hamburg leben wollte.

1990 war es so weit. Der Englischkorrespondentin war der Halbtagsjob am Fachbereich Rechtswissenschaften der Uni Marburg zu langweilig geworden. „Den habe ich gemacht, weil ich dadurch die Miete für meine erste eigene Wohnung in der Untergasse bezahlen konnte.“ Abwechslung boten ihr damals Jobs in einer Secondhand-Boutique und in einer Musikkneipe in der Oberstadt. Beides hat Corinna Linda geliebt. Aber dann wollte sie Großstadtluft schnuppern. In Hamburg lebt sie seither „sehr gern“. Eine Zeit lang war das vor allem der Liebe wegen so, berichtet die 60-Jährige, die verwitwet ist.

Beruflich ging es für das „Cäppeler Mädche“ in Hamburg abwechslungsreich weiter. Zur Erzieherinnen-Ausbildung gesellte sich noch ein Semester, in dem sie Sozialpädagogik studierte. „Das war aber doch nichts für mich.“

Dann landete Corinna Linda über eine Zeitarbeitsfirma in der Schifffahrtsabteilung der Hamburger Privatbank Berenberg, wo vor allem ihre Kenntnisse als Englisch-Korrespondentin wieder gefragt waren. Sie blieb. „Die Arbeit hier ist so klasse, und die Leute sind es auch.“

Wenn Corinna Linda einmal nicht nach Marburg reisen kann aber ein Stückchen Heimat braucht, dann holt sie sich rote Wurst beim Lebensmittelhändler. Denn die „Ahle Stracke“ aus Hessen, die gibt‘s sogar in Hamburg.

Wer selbst schauen will, wo die „Hansa Marburg“ gerade unterwegs ist, findet die Informationen hier.

von Carina Becker-Werner