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Marburg Ein Pianist musiziert an zwei Flügeln
Marburg Ein Pianist musiziert an zwei Flügeln
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17:38 18.02.2013
Ian Brown dirigierte die Streicher des Stuttgarter Kammerorchesters am Sonntagabend in der Marburger Stadthalle.Foto: Michael Hoffsteter Quelle: Michael Hoffsteter
Marburg

Diesmal war das Stuttgarter Kammerorchester, dessen Chefdirigent der Gießener Generalmusikdirektor Michael Hofstetter ist, ohne Bläser nach Marburg gekommen. Im Programm hatte es vier Werke, die für den Konzertverein Premieren waren. Edward Elgars wegen ihrer volkstümlichen Melodik und verhaltenen Melancholie zu Recht so beliebte e-Moll-Streicherserenade war zuvor jedoch schon andernorts in Marburg erklungen. Doch noch nie ist sie in unserer Stadt mit so viel Feinsinn und Intensität zugleich musiziert worden wie am Sonntag von den Elitestreichern aus der baden-württembergischen Hauptstadt unter der Leitung des britischen Pianisten Ian Brown.

Im C-Dur-Klavierkonzert KV 415 von Wolfgang Amadeus Mozart harmonierte das Stuttgarter Kammerorchester ideal mit dem kongenialen Klavierspiel von Brown. Er ließ die virtuosen Figurationen des Kopfsatzes mühelos und mit kristalliner Klarheit perlen, fand im Mittelsatz zu einem eindringlich-schlichten Gesangston und fesselte mit dramatischer Gestaltungskraft beim heftigen Affektwechsel, den die beiden unvermittelt einsetzenden, nach c-Moll eingetrübten Adagio-Abschnitte im munteren Final-Rondo hervorrufen.

Nach der Pause nahm Brown an einem anderen, kleineren Flügel Platz. Dieser war zuvor für Arvo Pärts „Tabula rasa“ präpariert worden. Metallschrauben steckten hinter den Dämpfern zwischen den Saiten, sodass jeweils eine von drei Saiten frei schwingt und die Tonhöhe angibt, während die zwei präparierten Saiten den verfremdeten Klangfarbeneffekt erzeugen. Zusätzlich elektronisch verstärkt, erzeugt das so präparierte Klavier im 1977 komponierten Doppelkonzert für zwei Violinen einen Klang, der an Kirchenglocken erinnert.

Der 1935 geborene estnische Komponist lässt das Werk mit einem grellen Aufschrei der beiden Soloviolinen beginnen - Susanne von Gutzeit und Wolfgang Kussmaul ließen dies mit erschreckender Vehemenz Klang werden. Was folgt und von Pärt mit „Ludus“ (Spiel) überschrieben ist, beschreibt in seinem wellenartigen Ablauf vielleicht das Werden menschlichen Lebens, während im zweiten Satz „Silentium“ (Stille) mit seinen unendlichen Wiederholungen die Zeit still zu stehen und er in seinem langsamen Verdämmern das Sterben darzustellen scheint.

Die außerordentlich intensive Wiedergabe des 30-minütigen Werkes durch die beiden Konzertmeister und den Streicherchor des Stuttgarter Kammerorchesters wurde von den 600 Zuhörern in der gut besuchten Stadthalle mit lang anhaltendem Beifall gefeiert

Musik scheint vom Himmel auf die Erde zu strömen

Danach servierte das Orchester unter Browns Leitung noch ein weiteres halbstündiges Werk. Mit glutvollem Ton und fein abgestufter Dynamik durchmaßen die Streicher die Es-Dur-Serenade von Josef Suk, die sich aufgrund ihrer Originalität und Erfindungskraft nicht hinter dem Vorbild zu verstecken braucht. Das Vorbild ist die oft gespielte E-Dur-Serenade von Suks Schwiegervater Antonin Dvorák. Dass Suk wie sein auch zu Schallplattenruhm gekommener gleichnamiger Enkel ein exzellenter Geiger war, lässt jeder der vier Sätze erkennen. Denn Suk hat in dem 1894 uraufgeführten Werk genau den Klangcharakter der jeweiligen Streichinstrumente berücksichtig.

Im ruhig bewegten Kopfsatz scheint die Musik, wie ein zeitgenössischer Berichterstatter schrieb, geradewegs vom Himmel auf die Erde zu strömen, bevor sich ein eleganter, an Tschaikowsky erinnernder Walzer mit böhmischen Furiant-Rhythmen verbindet. Zentrum ist der vom Solocello angestimmte langsame Satz, der den Charakter eines Notturnos hat, bevor ein spielerisches Allegro wirbelnd-temperamentvoll das hinreißende Jugendwerk ausklingen lässt.

von Michael Arndt

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