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Marburg Ein „Parsifal“ ohne Weihe-Pathos
Marburg Ein „Parsifal“ ohne Weihe-Pathos
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17:06 09.04.2012
Ursula Füri-Bernhard steht als Kundry vor dem Scheiterhaufen. Sie wird sich selbst verbrennen, um einen reinigenden Weltenbrand auszulösen. Quelle: N. Klinger
Kassel

Für Richard Wagners Musikdramen benötigt das Publikum Sitzfleisch. Das gilt besonders für „Parsifal“, das letzte Werk des Bayreuther Meisters.

Es kann, wenn ein Dirigent das Weihe-Pathos im ersten und letzten Aufzug des „Bühnenweihfestspiels“ betont, bis zu 4 Stunden und 45 Minuten dauern. In Kassel kommt Patrik Ringborg eine knappe Stunde früher ans Ziel. Aber seine zügigen Zeitmaße gehen zum Glück nicht einher mit einer Versachlichung des Ausdrucks - ganz im Gegenteil: Ringborg erreicht mit dem Staatsorchesters Kassel ein Höchstmaß an klanglicher Tiefenschärfe und sinnlicher Glut.

Der Dirigent trägt die Sänger auf Händen, sodass diese nie forcieren müssen und die Textverständlichkeit optimal gerät - in einem Bühnenwerk, in dem lang und breit monologisiert wird, von größter Wichtigkeit. Besonders viel erzählen muss der alte Gralsritter Gurnemanz, dem Mario Klein mit sonorem Bass eindringliches Profil verleiht. In der Titelpartie überzeugt Christian Elsner nicht nur mit der heldischen Strahlkraft seines Tenors, sondern zehrt auch von seiner hochdifferenzierten Kunst als Liedgestalter, mit der er vor fünf Jahren beim Marburger Konzertverein begeistert hatte. Als Gralskönig Amfortas lässt Espen Fegran seinen Bariton mit brennender Intensität strömen. Und für die „Urteufelin“ und „Höllenrose“ Kundry setzt Ursula Füri-Bernhard ihren dunkel glühenden Sopran unter Hochspannung.

Sie ist die zentrale Figur in Helen Malkowskys Inszenierung. Denn „der reine Tor“ Parsifal, der Amfortas Erlösung von seiner nicht heilenden Wunde bringen soll, vermag dies nur mithilfe jener geheimnisvollen Frau, die zur Wiedergeburt verdammt ist, weil sie Christus auf dem Weg nach Golgatha verlachte. Sie ist bereits durch „Mitleid wissend“ geworden, lange bevor der Erlöser Parsifal zu den Gralsrittern stößt.

Amfortas bleibt unter der Dornenkrone zurück

Diese missionarische Männergemeinschaft schöpft Lebenskraft aus der Erleuchtung des Gralskelches, in dem der Legende nach Christi Blut aufgefangen wurde, und lässt zugleich die ganze Welt in einem Meer von Blut versinken. Kundry hat Amfortas verführt, damit ihr Gebieter, der aus der Gralsgemeinschaft verstoßene Klingsor, den heiligen Speer rauben konnte, der einst Christi Blut fließen ließ. Sie hat sich dabei unsterblich in den König verliebt und schleicht sich deshalb bei den Gralsrittern ein, um den Kopf des im Bade Linderung Suchenden einer Madonna gleich in ihren Schoß zu betten. Und sie wendet sich sogleich sehnsuchtsvoll Amfortas zu, als dieser mitansehen muss, wie sie auf Klingsors Geheiß Parsifal mit einem Kuss zu verführen sucht.

Amfortas liebt Kundry ebenfalls, die ihm mit dem heiligen Speer zugefügte Wunde ist also vor allem eine seelische. Geschlossen wird jedoch nur die körperliche, wie das eindrucksvolle Schlussbild zeigt: Amfortas bleibt allein zurück unter einer riesigen Dornenkrone und schaufelt mit bloßen Händen die Asche seiner großen Liebe in den Schrein, der den Gral geborgen hat.

Kundry hat zuvor die Taufe durch Parsifal abgewehrt, stattdessen den Erlöser gesegnet mit einem mütterlichen Kuss, um sich dann wie Brünnhilde in „Götterdämmerung“ selbst zu verbrennen und damit einen reinigenden Weltenbrand auszulösen.

Weitere Aufführungen: 22. und 29. April, 6. und 12. Mai. Beginn jeweils 16 Uhr. Karten unter Telefon 05 61 / 10 94 222.

von Michael Arndt