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Marburg Ein Meer aus Verzweiflung
Marburg Ein Meer aus Verzweiflung
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18:17 20.02.2015
Der Marburger Künstler Richard Stumm steht in der Pfarrkirche vor einem seiner Bilder mit dem Titel „Human being“. Quelle: Bettina Preussner
Marburg

Menschen, zusammengekauert am Strand, Menschen in winzigen Booten auf dem dunklen Meer, ein graues Kriegsschiff mit gleißend hellen Scheinwerfern. Die Bilder des Marburger Künstlers Richard Stumm wirken düster und bedrohlich und sie gehen unter die Haut. Sie spiegeln die Flüchtlingskatastrophe wider, die sich derzeit auf dem Mittelmeer abspielt, sie stellen die Hoffnung der Menschen und die Angst vor dem Untergang dar.

Richard Stumm zeigt dies auf seinen großformatigen Tafelbildern in verschiedenen Abstufungen von Abstraktion. Mal sind nur Trümmer und Fragmente zu erkennen, mal sieht man menschliche Figuren in ihrer ganzen Verzweiflung. Ebenso beklemmend wie die großen Bilder wirken die kleine Collagen, die im Chorraum der Kirche ausgestellt sind. Der Künstler hat sie „Altäre“ genannt. Sie stellen in schockierendem Kontrast Bilder von Flüchtlingen und Symbole der Konsumwelt und des Luxus einander gegenüber.

„In der Passionszeit gedenken die Christen der Leiden Christi“, erklärte Professor Dr. Rainer Kessler bei der Ausstellungseröffnung am Mittwochabend. Christus habe die umfassende Befreiung des Menschen im politischen wie existentiellen Sinne gewollt, sagte er weiter. Auch die Bilder Stumms hätten diese beiden Dimensionen, sie seien vor politischem wie existenziellem Hintergrund zu lesen. Kessler wies darauf hin, dass die Abstraktheit vieler Gemälde auch Raum gebe, unser eigenes Meer der Verzweiflung, unser eigenes Hoffen und Scheitern zu erkennen. Der Titel der Ausstellung lautet „Mare nostrum“, übersetzt „unser Meer“. „Mare nostrum“ war das Codewort der italienischen Marineoperation zur Seenot-Rettung von Flüchtlingen.

Bis Mitte Mai 2014 erreichten über 36 000 Flüchtlinge die italienische Küste, bis Ende August 2014 waren es 80 000. Die Operation Mare nostrum endete am 31. Oktober 2014. Am folgenden Tag begann die Operation Triton unter Führung der EU-Grenzagentur Frontex. Letzteres ist eine europäische Initiative, die nur noch dem Grenzschutz in einem engen Radius verpflichtet ist. „Die Passion Christi ist noch nicht zu Ende“, schloss Professor Kessler seine Ausführungen.

Gelegenheit zur vertiefenden Reflexion der Kunstwerke wird es in fünf Passionsandachten, mittwochs um 19 Uhr, und zwei Themengottesdiensten in der Lutherischen Pfarrkirche geben. Am 1. März spricht Studienleiter Pfarrer Dr. Neumann, und die Kurhessische Kantorei wird unter der Leitung von Kirchenmusikdirektor Uwe Maibaum die Bach-Kantate „Nach dir, Herr, verlanget mich“ singen. Am 22. März hält Propst Helmut Wöllenstein einen Gottesdienst. Beide Gottesdienste beginnen um 10 Uhr.

  • Die Lutherische Pfarrkirche ist täglich von 8 bis 17 Uhr für Besucher geöffnet.

von Bettina Preussner