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Marburg Ein Mann kommt nach Deutschland
Marburg Ein Mann kommt nach Deutschland
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15:28 12.03.2012
Beckmann (Samuel Bartl, rechts) und der Kabarettdirektor (Manuel Hermes). Quelle: Simon Taubner
Marburg

Marburg. Hamburg, Stunde Null, ein Mann kommt nach Deutschland. Einer wie die vielen, die zurückkommen - äußerlich lebendig, innerlich genauso tot wie jene, deren letzte Stunde auf den Schlachtfeldern Europas schlug.

Wolfgang Borchert war einer jener Wehrmachtssoldaten, die den Krieg überlebten und am Frieden zugrundegingen. Für Generationen von Schülern stand das 1947 uraufgeführte, zunächst als Hörspiel konzipierte Stück auf dem Unterrichtsplan, das Lernziel: Nie wieder!

Innere Wunden

Wer weitsichtig genug ist, zu verstehen, dass die Abwesenheit von Krieg im eigenen Land nicht ausreichend dafür ist, von friedlichen Zeiten zu sprechen, weiß auch, dass "Draußen vor der Tür" kein abgeschlossenes Kapitel deutscher Geschichte zeigt. In der "OnStage"-Produktion, die an diesem Samstag noch einmal in der Marburger Waggonhalle zu sehen ist, humpelt ein Beckmann durch die imaginäre Trümmerlandschaft Hamburgs, der viel zu jung ist, um an den inneren Wunden, die der Krieg schlug, nicht innerlich zu verbluten.

Starre Maske

Die Schuld, die er seinen toten Kameraden gegenüber auf sich geladen hat, der Verlust von Frau, Kind und Eltern und die Unfähigkeit, wieder Fuß zu fassen, lassen Beckmann nur den Freitod als Option. Samuel Bartls Gesicht wird durch die Gasmaskenbrille zur starren Maske, und selbst in Momenten herausgeschrieener Verzweiflung bleibt die Figur bar jeder tiefen Emotion. Unheilbar von sich selbst distanziert ist dieser Beckmann, und vielleicht eine Spur zu distanziert, geht Bartl an diesen großen Text heran. Dem tragischen Monolog hätte der eine oder andere beherzte Strich gutgetan, auch wenn Borchert zugegebenermaßen gerade auf das dramatische Mittel der Wiederholung setzt. Dagegen darf der Kabarettdirektor (Manuel Hermes) nassforsch vor sich herfabulieren - halb Mephisto, halb sinis­trer Schmierenkomödiant. Jan Kusterer hat sich die Krüppelhand bei Georg Schramm ausgeliehen - der Herr Oberst hat das Braunhemd immer noch nicht ausgezogen und macht Jammerlappen wie Beckmann haftbar für das Scheitern des Endsiegs. Daneben ist Kusterer - nicht weniger eindringlich - als toter Soldat zu sehen, dessen Frau (Clara Schulze-Wegener) Beckmann vom Suizid abzubringen versucht.

Verzicht auf Requisiten

Regina Guiwan, Milena May, Frederike Zech und Vera Makowski sind in weiteren Rollen zu sehen - einmal mehr hat "OnStage" mit seiner aktuellen Produktion eine bemerkenswerte Ensembleleistung abgeliefert.

Regisseur Abhinav Sawhney hat die chorischen Textpassagen schlüssig mit den Monologen und Dialogen verschränkt, spielt sparsam mit Licht und Ton und verzichtet konsequent auf Requisiten: Denn wo Trümmer sind, ist jedes Bühnenbild fehl am Platz.

von Carsten Beckmann