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Marburg Ein Gehalt reicht oft nicht aus
Marburg Ein Gehalt reicht oft nicht aus
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00:16 31.07.2018
Schön, aber nichts für den kleinen Geldbeutel: Marburgs Südviertel. Immobilien in begehrten Lagen können sich Familien immer schlechter leisten. Das sagt Martin Schröder, Professor für Soziologie an der Philipps-Universität.  Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Im Juni verkündete die Bertelsmann-Stiftung das Ende des Ein-Verdiener-Modells. Forscher hatten herausgefunden, dass ein Einkommen heute vielfach nicht mehr ausreicht, um Kindern ein finanziell abgesichertes Aufwachsen zu ermöglichen.

Dass das Geld bei vielen Alleinerziehenden knapp ist, ist nicht neu. Wer sich allein um Haushalt und Erziehung kümmert, dem bleibt schwerlich Zeit für einen Vollzeitjob. Neu war aber der Befund, dass in vielen Paar-Familien ein Gehalt nicht mehr reicht, um ein Abrutschen in Armut zu verhindern.

Der Vater arbeitet, die Mutter kümmert sich um Haushalt und Kinder – früher war dieses Familienmodell noch weit verbreitet, heute lebt nur noch etwa jede vierte Familie dieses Modell. Bei 66 Prozent arbeiten inzwischen beide Eltern, meist in der Kombination „Vater: Vollzeit, Mutter: Teilzeit“. Das geht aus Zahlen des Statistischen Bundesamts (Stand: 2016) hervor. 

Zur Person

Professor Martin Schröder (37) ist geschäftsführender Direktor des Instituts für Soziologie an der Philipps-Universität Marburg. Außerdem ist er Autor des Buches „Warum es uns noch nie so gut ging – und wir trotzdem ständig von Krisen reden“, das am 20. September erscheint. 

Die Frage ist, warum das so ist. Weil sich immer mehr Eltern eine gleichberechtigte Partnerschaft wünschen, in der sich beide bei Familien- und Erwerbsarbeit einbringen? Weil Frauen ihr eigenes Geld verdienen und sich im Beruf verwirklichen wollen? Oder weil es heute schlicht zwei Jobs braucht, um eine Familie zu ernähren?

Laut Professor Martin Schröder hängt die Antwort vom Einkommen ab. Bei ärmeren Haushalten – etwa bei der unteren Hälfte der Einkommensverteilung – sei es tatsächlich so, dass ein Einkommen heute nicht mehr ausreicht, sagt der Soziologe. Wenn aber Familien in der oberen Hälfte ein Gehalt nicht reicht, habe das eher etwas mit gestiegenen Ansprüchen an den Lebensstandard zu tun als mit ökonomischen Zwängen.

Denn unterm Strich verdienten Eltern heute nicht schlechter als die Elterngeneration vor ihnen, stellt Schröder klar. Damals reichte ein durchschnittliches Einkommen, um Kinder großzuziehen. Heute reiche es noch immer, sagt der Soziologe. Zumindest wenn sich die Eltern an den Ansprüchen früherer Generationen orientieren.

Früher hätten Familien beispielsweise Campingurlaub an der Ostsee gemacht; heute sei der Flug nach Mallorca normal. In den 1960er-Jahren habe es pro Kopf etwa 20 Quadratmeter Wohnraum gegeben, heute seien es über 40.

Die Vorstellung davon, was zu einem normalen Leben dazugehört, hat sich also massiv verändert, auch wenn das dem Einzelnen möglicherweise kaum auffällt. Anders gesagt: Die Ansprüche sind gestiegen. Das Problem ist, dass die Einkommen nicht im gleichen Ausmaß mitgewachsen sind. 

Eltern im Glück

Geld ist bekanntlich nicht alles. Statt darüber zu streiten, wie viele Stunden Eltern arbeiten müssen, damit die Familie über die Runden kommt, könnte man auch untersuchen, wie viele Stunden Eltern arbeiten müssen, um möglichst glücklich zu sein.

Professor Martin Schröder hat genau das gemacht und herausgefunden, dass die Lebenszufriedenheit von Müttern relativ hoch ist, egal wie viel sie arbeiten. Bei Vätern ist das Gegenteil der Fall.
Teilzeit ist Schröder zufolge Gift für die Zufriedenheit von Vätern. Jede Stunde, die sie mehr arbeiten, mache sie wiederum glücklicher. Am besten sei ein Pensum von 50 Stunden pro Woche. Die Mütter seien übrigens auch zufriedener, wenn die Väter ihrer Kinder länger aus dem Haus sind.

All das spricht nach Einschätzung des Soziologen dafür, dass Erwerbsarbeit für Väter auch jenseits der Bezahlung eine stärkere Bedeutung für ein gelungenes Leben hat als für Mütter.

Laut Schröder sind die Haushaltseinkommen unterhalb der reichsten zehn Prozent in den letzten 20 bis 30 Jahren weitgehend stagniert. Für viele Menschen träfen heute also gestiegene Ansprüche auf stagnierende Mittel, diese Ansprüche zu realisieren.

Bei der Frage, was sich Familien leisten können, spielen Schröder zufolge auch die Preise eine Rolle. Fernseher seien beispielsweise billiger geworden; die könnten sich Familien heute eher leisten als früher. Andere Güter seien teurer geworden. Güter, die fast alle haben wollen, die aber nur begrenzt zur Verfügung stehen wie Immobilien in begehrten Lagen.

In Bezug auf solche Güter stimme der Eindruck, dass sich Familien heute weniger leisten können als früher, sagt Schröder. „Diese kann man sich auch relativ zu einem nicht stagnierenden Einkommen immer schlechter leisten, weil immer mehr Menschen sie kaufen wollen und entsprechend bereit sind, mehr dafür zu zahlen.“

von Friederike Heitz