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Marburg Ein Dieb, dem keiner böse ist
Marburg Ein Dieb, dem keiner böse ist
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19:31 13.04.2018
Taschendieb auf der Oberhessenschau: Zauberkünstler Giovanni Alecci (rechts) zog Kriminalhauptkommissar Andreas Rautäschlein das Handy aus der Tasche.  Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Schwarzer Anzug, schwarzes Hemd, Glatze, Drei-Tage-Bart, sportliche Figur,­ ­gepflegte Erscheinung. Mit dem silbernen Schild „Security“ steht Giovanni Alecci am Stand der Polizeidirektion Mittelhessen auf der Oberhessenschau. Er sieht aus wie ein Personenschützer. Ist er aber nicht.

Giovanni Alecci schaut jeden Messebesucher genau an, er scannt sie förmlich ab. „Menschen senden Signale“, erklärt er. Wenn ein Handy aus der Brusttasche lugt, dann steht da für ihn drauf: „Klau mich!“ Oder die offene Handtasche, die ­eine Frau über ihren Schultern trägt. „Die Einladung nehme ich ­natürlich gerne an“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Giovanni Alecci ist Taschendieb. Aber ein ehrlicher und ein sehr charmanter. Seine Beute gibt er immer wieder zurück. Neben verblüfften Gesichtern erntet er auch ein schallendes Lachen oder einen freundschaftlichen Schulterklopfer. Als Dank, dass er die Sachen nicht behalten hat und den Menschen mit seinen Tricks aufzeigt, dass sie ihre persönlichen Wertsachen besser schützen müssen.

"Er hätte mir alles wegnehmen können."

Und während des Auftaktes der Oberhessenschau hat er viele dankbare Opfer. Einer ist Volker Breustedt. Am Ausstellungsstand der Arbeitsagentur ist er als vorsitzender ­Geschäftsführer gerade im Gespräch mit ­einigen seiner Mitarbeiter. Giovanni Alecci hat ihn schon längst abgecheckt und verwickelt ihn kurzerhand mit seiner sehr sympathischen Art in ein Gespräch. Volker Breustedt lässt sich natürlich darauf ein, weil er ja nicht weiß, dass er in nur wenigen Minuten sowohl sein Handy, sein Visitenkartenetui und sogar seine Krawatte verlieren wird.

Fingerfertig, schnell und für seine Opfer völlig unbemerkt geht der professionelle­ Taschen­dieb zu Werke. Dabei fasst er die Leute sogar an und zieht auch manchmal an deren Jacken oder Hosen. Aber wenn er dies tut, dann schaut er ihnen in die Augen und lenkt sie so ab, dass er mit einem gekonnten Griff das Telefon aus der ­Innentasche des Jackets gezogen hat. Wie bei Volker Breustedt. Der lacht noch über die Witze, die Giovanni Alecci machte, während ihm dieser ganz schnell das Etui aus der Tasche zieht und es blitzschnell in seiner Hosentasche verschwinden lässt.

Dann macht er sich an die Krawatte.­ Er verwickelt den Geschäftsmann so in ein Gespräch und zupft erst auffällig, dann immer unauffälliger am Schlips, bis er den Knoten gelöst hat und die Krawatte über den Rücken wegzieht. Volker Breustedt lacht noch immer mit dem Taschendieb. Erst als dieser, ehrlich wie er nun mal ist, ihm das Handy wiedergibt, schaut er ganz verdutzt. Giovanni Alecci löst das Spiel auf und gibt ihm auch die anderen Sachen wieder.

Innerhalb weniger Sekunden und natürlich wieder mit einem Trick hat dieser seinem Gegenüber die ­Krawatte wieder umgebunden. Dass er diese gar nicht mehr um hatte, ist Volker Breustedt erst gar nicht aufgefallen: „Ich bin verblüfft. Er hätte mir alles wegnehmen können, ich hätte es nicht gemerkt.“

Genau das ist das Problem. Es merkt keiner, wenn ein Taschendieb zuschlägt. Das weiß auch Andreas Rautäschlein von der Polizeidirektion Marburg, der den Profi den ganzen Tag begleitet und immer die ­geklauten Sachen einsammelte. „Draußen auf der Straße, in ­Supermärkten, bei großen Menschenansammlungen sind vor allem ältere Menschen die Opfer“, erklärt der Kriminalhauptkommissar, der tagtäglich mit dem Phänomen zu tun hat.

Zehn Jahre ist der Rheinländer Alecci als Taschendieb schon unterwegs. Und er gehört zur „Gilde der ehrlichen Taschendiebe“. Von einem Polizisten aus Wiesbaden hat er das Handwerk gelernt. Zusammen mit dem Zivilfahnder beobachtete er tage- und wochenlang Gruppen von Taschendieben in der Fußgängerzone oder auf Marktplätzen, um zu lernen. Auf Festen, Messen oder privaten Feiern zieht er den Menschen nun alles aus der Tasche, was nicht hinter Reißverschluss oder Knopf gesichert ist. „Ich habe die Lizenz zum Klauen“, sagt er lachend.

Prominentestes Opfer war Innenminister Ralf Jäger

Sein wohl prominentestes ­Opfer war mal Ralf Jäger, ehemaliger Innenminister von Nordrhein-Westfalen. Der hielt anlässlich eines Präventionstages einen Vortrag, wie sich die Menschen vor Taschendieben schützen können und war sich ganz sicher, dass Giovanni Alecci ihm nichts aus den Taschen ziehen könne. Schließlich würden seine Personenschützer das wohl als Erstes mitkriegen. Falsch gedacht, denn der gewiefte Künstler hielt dem Politiker nur ein paar Augenblicke später drei Mobiltelefone vor die Nase, von denen eines das von Ralf Jäger war. Der war sprachlos.

Genauso sprachlos war gestern Dr. Mohammad Malmanesh. Er hatte sein großes Portmonee in der Hand, eben weil es nicht geklaut werden sollte. Auch ihn verwickelte Giovanni Alecci in ein Gespräch und wenig später hatte er zwar nicht den Geldbeutel geklaut, aber das Bargeld aus der Brusttasche, den Autoschlüssel aus der Hosentasche und die EC- sowie Kreditkarte aus dem Portmonee, welches der SPD-Stadtverordnete in den Händen hielt. Dem fiel dazu nur eines ein: „Unfassbar“, sagte er immer wieder und schüttelte ungläubig mit dem Kopf.

Das tat auch Harald Kessler, der unter anderem um seine Uhr erleichtert wurde. „Ich war so durch das Gespräch abgelenkt und dann noch das ­Security-Schild an der Brust. Da hat man irgendwie ein Urvertrauen. Aber das war jetzt erst mal ein heilsamer Schock“, sagte der Mann aus Gemünden, als er seine Uhr wieder am Handgelenk hatte.

Sogar Andreas Kleine, Organisator der Oberhessenschau, wurde Opfer des gewieften Künstlers. Vor den Augen der Politprominenz des Landkreises und der Presse nahm Giovanni Alecci ihm seine Krawatte ab.

von Katja Peters

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