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Ein Abend über das Vergessen

Marburg Ein Abend über das Vergessen

Die singende und tanzende, Rollen und Kostüme wechselnde Kabarettistin Nessi Tausendschön und ihr Musiker und Aushilfsmagier William Mackenzie begeisterten im ausverkauften Kulturladen KFZ 200 Zuhörer.

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Nessi Tausendschön präsentierte im Kulturladen KFZ ihr neues Programm „Die wunderbare Welt der Amnesie“.

Quelle: Manfred Schubert

Marburg. „Ich bin Spezialistin für bodenständige Zerknirschungslyrik, Trauergesänge sind mein Ressort“, beschrieb sich Nessi Tausendschön, nachdem sie Erinnerungsfotos vom Publikum geschossen und eine ausführliche Einführung in das sich anschließende Programm gegeben hatte – ständig betonend, dass das immer noch Vorlauf sei. Bei Trauergesängen blieb es während des fast dreistündigen, unglaublich abwechslungsreichen Auftritts von Nessi und ihrem wunderbar Gitarre und Banjo spielenden Begleitmusiker William ­Mackenzie nicht.

Ständig wechselte die Kabarettistin Rollen und Kostüme sowie zwischen Stimmungen vom Phlegma bis zum Wutausbruch hin und her. Den roten Faden bildete das Thema Vergessen, dem sie sich in vielschichtiger Weise auf unterschiedlichen Ebenen der Komik näherte. Gleich zu Beginn als bewussten Hammer in Richtung Geschmacklosigkeit präsentierte sie die deutsche Konjugation des Verbs vergessen: wir vergessen, wir vergaßen, wir haben vergast. Kurzes dumpfes Aufstöhnen – aber das Publikum wusste ja, dass es mit Provokationen zu rechnen hatte.

Demografischer Wandel und ein Lied zum Vergessen
„Die Evolution hat uns mit dem Vergessen ein probates Mittel zum Weiterleben an die Hand gegeben, nach dem Zeitungslesen, dem Steuerbescheid oder den 20-Uhr-Nachrichten. Und der Journalismus ist eine riesige Amnesiemaschine, die immer neue Nachrichten produziert, damit andere unter den Tisch fallen können. So war 2009 gerade die Revolution im Iran in aller Munde“, erinnerte sich Nessi, „da stirbt Michael Jackson, das Arschloch“. Es heiße, Ahmadinedschad habe ihn ermorden lassen.

Zum demografischen Wandel merkte sie an, dass in Deutschland zehnmal mehr Geld für Potenzmittel und Silikon als zur Bekämpfung von Alzheimer ausgegeben würden.

Trotz dieser Aussichten ließ sich das Publikum animieren, den Refrain eines Liedes über eine Person, die man unbedingt vergessen möchte, fröhlich mitzusingen: „Fahr zur Hölle, Ariane, denn da gehörst du hin“, gab Nessi Tausendschön vor. Der Name sei beliebig austauschbar.

Ihre parodistischen Fähigkeiten stellte die Kabarettistin unter anderem bei einer umwerfend komischen Talkshow mit Lena Meyer-Landrut, Nena und Nina Hagen als Teilnehmerinnen unter Beweis. Deutsche Befindlichkeiten nahm sie in einer Glanzrolle als Ludmilla Semipalatinskaja aus dem gleichnamigen ehemaligen sowjetischen Kernwaffentestgebiet in Kasachstan aufs Schärfste aufs Korn. Nachdem das mit der Heirat mit einem deutschen Ökobauern aus dem Katalog nicht geklappt hatte, lamentierte sie über die Deutschen, die sich ökologisch das Mittelalter wünschen, aber mit dem BMW hindurchfahren wollen.

Mit einem wunderbar schonungslos-offenen Liebeslied als zweite Zugabe verabschiedeten sich Nessi Tausendschön und William Mackenzie von ihrem Publikum im Kulturladen KFZ, das diesen Abend über die Amnesie nicht so schnell vergessen dürfte.

von Manfred Schubert

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